75 Jahre Hitler-Attentat: Die Kirchen haben versagt

Die Kirchen in Deutschland haben während des Nationalsozialismus im Widerstand „grandios versagt“. Davon ist der Historiker Wolfgang Benz (Berlin) überzeugt. Er sagte im Interview mit der Augsburger Allgemeinen anlässlich des 75. Jahrestags des Hitler-Attentats am 20. Juli: „Christlicher Widerstand kam von Einzelpersonen, aber nicht von der Amtskirche.“

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[https://www.idea.de/gesellschaft/detail/75-jahre-hitler-attentat-die-kirchen-haben-versagt-109911.html

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  1. #1 von Skydaddy am 21. Juli 2019 - 17:10

    Dem sei noch einmal entgegengestellt, was die kackdreisten Wendehälse der EKD im Oktober 1945 im „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ erklärten:

    Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

  2. #2 von Andreas P am 21. Juli 2019 - 18:55

    Versagen setzt den Versuch oder wenigstens das Ziel voraus. Beide Kirchen haben das Regime im meisten aktiv unterstützt, insbesondere in Sachen des Krieges. Versagt hat die bundesdeutsche Gesellschaft, weil respektive sofern sie daraus nicht die Konsequenzen gezogen hat – kollektiv wie individuell.

  3. #3 von awmrkl am 22. Juli 2019 - 04:15

    „Christlicher Widerstand kam von Einzelpersonen, aber nicht von der Amtskirche.“

    Das ist jedem, der historisch wissen will was war, längst bekannt.
    Die „Amtskirchen“ wollten schlichtweg nicht. Denen war der Bestand und das Wohlergehen ihrer „Mutter Kirche“ wichtiger als sonstwas. Als das erstmal gesichert war (relativ flott), machten sich die „Amtskirchen“ einen höchst schlanken Fuß – bis auf wenige Ausnahmen (einige bekannt, mit Sicherheit auch einige nicht).

  4. #4 von Andreas P am 22. Juli 2019 - 09:42

    @Awmrkl: Bei den meisten Bekannteren ist es zudem meist eine Kabbelei um einzelne Fragen: Der Klerus legte auf peinlich genaue Einhaltung der Konkordate wert, insbesondere auch darauf, dass kirchlicher Besitz unangetastet blieb. Das führte zu Ärger, wie auch das Neuheidentum einige Nazi-Kreise (keinesfalls ein durchgehendes Phänomen). Solche Konflikte waren aber Alltag, weil das NS-Reich keinesfalls monolithisch-hierarchisch war, sondern viele Einzelne, Grüppchen und Institutionen miteinander rivalisierten. Die Rivalität der Großkirchen untereinander war auf jeden Fall ausgeprägter als jegliche Ablehnung des Regimes – nicht mal 1945ff. hat es zu einer gemeinsamen oberflächlichen Distanzierung gereicht. (Schlagend dafür ist der Umstand, dass von allen NS-Größen einzig Goebbels exkommuniziert wurde – weil er eine Protestantin geheiratet hatte.) Für Juden haben sich die Kirchen jeweils nur soweit engagiert, als es um Getaufte ging, die nach kirchlicher Auffassung keine Juden mehr waren und damit „zu Unrecht“ verfolgt werden.

    Galen und Niemöller, die gerne aufgeführt werden, waren beide ausgeprägte Nationalisten und Kriegsbefürworter. Letzterer hat sich aus dem KZ um seine Wiedereinstellung als U-Boot-Kapitän bemüht (er hat sich nach dem Krieg dann sehr deutlich gegen die „Wiederbewaffnung“ engagiert, war also lernfähig). Galen hat dann auch Zeit des Krieges nichts gegen das Massenmorden junger Männer geäußert, gesetzt, sie waren körperlich und geistig hinreichend schlachtreif – nur bei den Morden an den Behinderten hat er (spät und mehr als 1 Jahr, nachdem er Bescheid wusste) protestiert, weil der möglich Umgang mit Versehrten sich ja negativ auf den Kriegserfolg auswirken könnte. Widerstand sieht anders aus.

    Der einzige (mir) wirklich bekannte Pfarrer, der sich konsequent, klug und ohne Einschränkung klar gegen das Regime gestellt hat, und zwar auch gerade in Form wirksamer Hilfe für Verfolgte, war Bonhoeffer. Mit derselben Klarsicht, mit der er das NS-Regime von Anfang an durchschaute (also: nüchtern blieb, während sich nach und nach ~90% der Deutschen am Schnurrbartheini besoffen), verurteilte er auch die fast rückhaltlose Anbiederung der Kirchen ans Regime – einzig dadurch im Zaum gehalten, dass die (anders als Franco, Mussolini & Co.) die Macht nicht mit dem Klerus teilen wollten. Bonhoeffer hielt die Auflösung der Kirchen und des gesamten Vermögens für die einzig mögliche Konsequenz, inklusive der Abschaffung von Berufsklerikern. Dass die EKD dennoch Gebäude nach ihm benennt, ist unter allen ihren moralischen Fehlleistungen eine der unverschämtesten – buchstäblich.

  5. #5 von awmrkl am 22. Juli 2019 - 18:02

    @Andreas P

    Danke für die Präzisierung.

  6. #6 von manglaubtesnicht am 22. Juli 2019 - 22:59

    Die „Kirchen im Widerstand“? Soll das ein Scherz sein?

  7. #7 von Skydaddy am 23. Juli 2019 - 08:48

    @manglaubtesnicht:

    Soweit es Widerstand gab, dürfte der sich aus den falschen Motiven gespeist haben. So soll der größte Protest, den Katholiken gegen die Nazis hingelegt haben, sich gegen das Abhängen von Schulkreuzen gerichtet haben. (Wie jemand treffend dazu bemerkt hat: „Die Kreuze blieben. Entfernt wurden die jüdischen Schüler.“)

    Auch bei der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ bezog sich die brennende Sorge des Papstes auf die „verfolgte“ Kirche:

    1. Mit brennender Sorge und steigendem Befremden beobachten Wir seit geraumer Zeit den Leidensweg der Kirche, die wachsende Bedrängnis der ihr in Gesinnung und Tat treubleibenden Bekenner und Bekennerinnen inmitten des Landes und des Volkes, dem St. Bonifatius einst die Licht- und Frohbotschaft von Christus und dem Reiche Gottes gebracht hat.

    Ich habe mal ein Buch gesehen, das nach dem 2. Weltkrieg verfasst worden war. Dort wurde den Nazis noch angekreidet, dass Soldaten nicht zum Gottesdienst gezwungen wurden. Etwas, das nach unserem heutigen Grundgesetz verfassungswidrig ist – und es auch nach der Weimarer Reichsverfassung schon war, aus der die einschlägigen Artikel des Grundgesetzes übernommen wurden.

    Die Kirchen profitieren mal wieder dreist davon, dass man sich als heutiger Mensch (wenn man die Tricks und Schliche der Kirche nicht kennt) nicht vorstellen kann, dass jemand die Nazis aus anderen Gründen bekämpft haben könnte als wegen Faschismus, Kriegstreiberei und Antisemitismus.