TV-Tipp: Wer den Wind sät

Der junge Lehrer Bertram T. Cates bringt die Mitglieder der fundamentalistischen Gemeinde von Hillsboro im amerikanischen Süden gegen sich auf: Er wagt es, seine Schüler mit der Lehre Darwins vertraut zu machen, die besagt, dass der Mensch ein Geschöpf der Evolution ist. Auf Betreiben des militanten Reverends Brown wird er festgenommen und muss sich vor Gericht verantworten. Der sogenannte „Affenprozess“ schlägt weithin Wellen. Der renommierte Journalist Hornbeck vom „Baltimore Herald“ sorgt dafür, dass Cates mit Henry Drummond einen erfolgreichen Verteidiger bekommt; die Anklage übernimmt Matthew Harrison Brady, ein ähnlicher Eiferer wie Reverend Brown. Damit stoßen im Gerichtssaal zwei äußerst konträre Positionen aufeinander: Drummond steht für die Freiheit der Rede und des Denkens, Brady führt dagegen einen religiösen Fundamentalismus ins Feld, für den jedes Wort der Bibel die letzte Wahrheit ist … Stanley Kramers packender Film basiert auf einem Bühnenstück, dem wiederum ein historischer Prozess aus dem Jahre 1925 in Dayton, Tennessee, zugrunde lag.

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[https://www.arte.tv/de/videos/082658-000-A/wer-den-wind-saet/

https://de.wikipedia.org/wiki/Scopes-Prozess

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  1. #1 von Diamond Mcnamara am 10. Februar 2019 - 22:46

    Ich habe nur den Schluss gesehen und so verstanden,dass der Anwalt letztlich doch Religiot ist.Dennoch:wohl für die damalige Zeit und die USA ein bemerkenswerter Film.

  2. #2 von Martin Bremermann am 11. Februar 2019 - 10:22

    QUATSCH! Ohne den Film und die Auseinandersetzung der Figuren gesehen zu haben, zu so einem Kurzurteil zu kommen, ist eine (Pardon werter Diamond) typische Dummesbrot-Reaktion.

    Ebenso unbegreiflich für mich sind die drei Daumenhochankreuzer! Haben die auch nur „den Schluß“ gesehen (und nichts begriffen?)

    Am Ende von „Wer wind sät“ gibt es keine „Wahrheit“. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es gibt kein Happy End für Darwinisten und Ungläubige. Es gibt keine „Verfluchung“ von Bibel und Christentum. Am Ende bleibt alles offen, nach dem Motto, dass der Mensch nun mal nicht alles weiß. Der Anwalt verdammt nicht, verbietet nicht, läßt Meinung Meinung sein – und damit steht die viel wichtigere Kritik – an der engstirnigen Allwissenheit vom Lieben Gott und allen Religionen –

    Starker Film. Starke Besetzung. Starke Dialoge. Spencer Tracy und Fredric March = genial.

  3. #3 von Andreas P am 11. Februar 2019 - 10:59

    … und genau das ist ein Problem: Es ist eben kein einerseits-andererseits. Bereits 1925 war das Flachwelttheorie vs. Kugelgestalt der Erde. Geologie wie Biologie haben sich weiterentwickelt, die Erde ist ein Geoid, insofern sind beide Vorstellungen – Flachwelt und Kugel – falsch.

    Aber wer glaubt, dass die Flachwelttheorie und die Erdkugeltheorie gleich falsch sind, liegt noch falscher als die, die die Erde für eine Scheibe halten. (paraphrasiert nach I. Asimov)

    Konkret hier: Der Staat verpflichtete (im historischen Fall) Lehrer, einen nachgewiesenermaßen unsinnigen, grundfalschen Murks zu unterrichten – da standen schon längst keine irgendwie gleichberechtigte „zwei Meinungen“ oder Theorien mehr im Raum. Es ging darum, dass Kirchens und ihre Anhänger Glauben über Wissenschaft stellten und letztlich Macht über Wahrheitssuche (und -findung): Wir sind doof, aber wir sind viele, also können wir bestimmen, was wahr und richtig ist.

  4. #4 von Martin Bremermann am 11. Februar 2019 - 20:31

    Diamond kommt (ohne den ganzen Film gesehen zu haben) zu dem Schluß … „und so verstanden, dass der Anwalt letztlich doch Religiot ist“.

    Es geht mir nicht um einerseits-andererseits, flach oder Kugel, zwei Theorien oder was Andeas P sonst noch alles ganz richtig ins Feld führt.

    Es geht mir um die absurde Schlußfolgerung eines 7/8-Zuschauers, die der Film NICHT audrückt, NICHT ausdrücken will. Und weil der Anwalt nicht als strahlender, atheistischer Held von der Bühne geht, der es dem religiösen Pöbel mal so richtig besorgt hat, wird selbst der Verteidiger der Wissenschaft als RELIGIOT mit einem flapsigen Halbsatz abgeurteilt.

  5. #5 von Andreas P am 11. Februar 2019 - 21:05

    Der Unterschied ist irgendwann halt nur noch graduell.

    Praktisch jeder Gläubige kennt ein paar, die es aus seiner Sicht „übertreiben“ und Absurdes glauben.

    Das Problem ist nicht, dass Menschen was Absurdes glauben. Das Problem ist, dass sie glauben statt nur zu meinen (denken, mutmaßen, argumentieren, wissen, …). Und hier macht der Film eine eher anbiedernde Kurve – versöhnlich, vielleicht auch taktisch nicht unklug, vielleicht ehrlich gemeint, vielleicht aus kommerziellem Kalkül. Das muss ihn nicht schlecht machen (in meinen Augen ist das OK), aber ich sehe darin schon einen sehr wesentlichen Teil des Films – eben auch aufgrund der Vorlage.,

    Der Prozess, der dem Film als Vorlage dient, ist der „Scopes Trial“. Einer der besten, heute noch in den USA immer wieder gedruckten und gelegentlich diskutierten Berichte dazu kommt von H. L. Mencken. Der war nicht nur ein bekannter Atheist, sondern auch ein brillanter Stilist und Polemiker – gegen ihn nehmen sich Deschner, Hitchens und Co. ziemlich zahm aus.

    http://archive.org/stream/CoverageOfTheScopesTrialByH.l.Mencken/ScopesTrialMencken.txt

    Hier ist der ganze Text zu finden (m. W. ist er inzwischen gemeinfrei). Zentrale Stelle (ziemlich am Ende):

    I do not know how many Americans entertain the ideas defended so ineptly by poor Bryan c, but probably the number is very large. They are preached once a week in at least a hundred thousand rural churches, and they are heard too in the meaner quarters of the great cities. Nevertheless, though they are thus held to be sound by millions, these ideas remain mere rubbish. Not only are they not supported by the known facts; they are in direct contravention of the known facts. No man whose information is sound and whose mind functions normally can conceivably credit them. They are the products of ignorance and stupidity, either or both.

    What should be a civilized man’s attitude toward such superstitions? It seems to me that the only attitude possible to him is one of contempt. If he admits that they have any intellectual dignity whatever, he admits that he himself has none. If he pretends to a respect for those who believe in them, he pretends falsely, and sinks almost to their level. When he is challenged he must answer honestly, regardless of tender feelings. That is what Darrow [einer der Vertreter der Wissenschaftsseite] did at Dayton, and the issue plainly justified the act.

    Gegenüber diesem Bericht und eben dem historischen Darrow nimmt sich die fiktionalisierte Umsetzung dann doch zahm, gefällig, halbherzig und mutlos aus.

  6. #6 von Willie am 11. Februar 2019 - 21:19

    Man sollte vielleicht noch erwähnen, dass dieser sog. Butler Act noch bis 1967 galt

    Aus WP:

    Der Butler Act war ein am 13. März 1925 in Kraft getretenes und zum 1. September 1967 aufgehobenes umstrittenes Gesetz im US-amerikanischen Bundesstaat Tennessee, das Lehrkräften unter Androhung einer Strafe zwischen 100 und 500 US-Dollar als Ordnungswidrigkeit verbot, an ganz oder teilweise von Tennessee staatlich finanzierten Bildungseinrichtungen jegliche Theorie zu lehren, denen zufolge der Mensch nicht wie in der Bibel gelehrt göttlichen Ursprungs sei, sondern von einer niedrigeren Ordnung von Tieren abstamme.

  7. #7 von Willie am 11. Februar 2019 - 21:36

    Bzgl. des Eingangspost

    Ich habe nur den Schluss gesehen und so verstanden,dass der Anwalt letztlich doch Religiot ist.

    Wir sollten dabei nicht übersehen, dass es sich um eine filmische Aufarbeitung des Scopes-Prozesse handelt und dabei immer Veränderungen für die Dramatogie vorgenommen werden (auch dem Zeigtgeist entsprechend). Im Film spielte Spencer Tracy den Verteidiger, aber im Originalprozess waren es drei, Clarence Darrow als sich bekennender Agnostiker, Dudley Field Malone als sich bekennender Katholik (der mit der Evo keine Probleme hatte) und Arthur Garfield Hays, ebenfalls von der American Civil Liberties Union, aber Kind jüdischer (deutscher) Vorfahren (und Verteidiger der Zeugen Jehovas bei der Verteidigung die US-Flagge nicht zu grüßen).

  8. #8 von awmrkl am 11. Februar 2019 - 22:57

    Wir sollten dabei auch nicht übersehen, dass es sich um die Verfilmung eines Bühnenstücks handelt: aus https://de.wikipedia.org/wiki/Scopes-Prozess
    „Frei an den Scopes-Prozess angelehnt ist das Bühnenstück Inherit the Wind (1955) von Jerome Lawrence und Robert E. Lee. Dieses Stück mit deutlichem Seitenblick auf die McCarthy-Ära wurde von Kritikern und Publikum begeistert aufgenommen und gewann den Donaldson Award und zahlreiche andere Preise. 1960 wurde es durch Stanley Kramer mit Spencer Tracy (Darrow, hier: Drummond), Fredric March (Bryan, hier: Brady) und Gene Kelly (Mencken, hier: Hornbeck) verfilmt (deutsch: Wer den Wind sät). […] Mehrere Remakes dokumentieren das anhaltende Interesse: 1988 mit Jason Robards und Kirk Douglas, 1999 mit Jack Lemmon und George C. Scott. „

  9. #9 von awmrkl am 11. Februar 2019 - 23:10

    Insofern hatte die Verfilmung nicht die Freiheit, die ein „normaler“ Film basierend auf einem „normalen“ Drehbuch gehabt hätte.
    Außerdem muß der Film von 1960 wie auch das zugrundeliegende Bühnenstück für die USA, deren Südstaaten und sonstige religiös verseuchten Regionen wohl ziemlich „aufregend“ gewesen sein … trotz relativ „versöhnlichem“ Ende.

    Ich erinnere mich schwach an Filme mit gleichem oder ähnlichem Thema (evtl diese Remakes?), die wesentlich „schärfer“ mit dieser betonierten, erzkonservativen, fundamentalistischen Bibel- und Glaubensauslegung abrechneten.

  10. #10 von awmrkl am 11. Februar 2019 - 23:25

    „… und so verstanden,dass der Anwalt letztlich doch Religiot ist“

    Das hab ich anders verstanden: Er wehrt sich unter vier Augen gegen die „nihilistische“, „nix anderes gelten lassende“, triumphierende Einstellung des Journalisten quasi ebenso wie gegen die betonharte Haltung der Religioten …
    Er wehrt sich also gegen die auch heute noch den Atheisten oft zur Last gelegten, unterstellten Haltung (Gefühllosigkeit, Kälte, Morallosigkeit, …) stellvertretend ggü dem Journalisten, der sich mE bemüht, Spuren solcher Haltung zu zeigen.

  11. #11 von Andreas P am 12. Februar 2019 - 09:02

    Speziell mit dem Bezug auf die Entstehungszeit und den Kontext hast Du, @awmrkl, sicherlich recht. Aber er wurde ja heute wiederholt, und da stellt sich schon die Frage, ob er zeitlos ist oder doch eher – pfff, veraltet.

    Es gibt eine seltsame Neigung zu „Kompromiss“ und „Ausgewogenheit“, wo sie keinen Sinn macht: Wenn einer sagt, „2+2 = 4“ und der andere „2+2=6“, dann ist „2+2=5“ kein Kompromiss, keine gemäßigte Position, kein Ausdruck von Toleranz, sondern schlicht falsch (wenn auch etwas weniger daneben). „Agnostiker“ und „gemäßigte Christen“, die Atheisten und Fundis gleichsetzen, haben nicht nur was pharisäerhaftes („Danke, Herr, dass ich so viel klüger und gemäßigter und toleranter bin als diese fanatischen Deppen!“). In aller Regel sind sie nur noch weniger bereit zu einer kritischen Reflexion ihrer meist hanebüchen widersprüchlichen, undurchdacht übernommenen Ansammlung von Versatzstückchen, die nicht zusammenpassen.

    (Z. B. ist Agnostizismus eine ziemlich radikale Erkenntnisposition dergestalt, dass wir über Götter nichts wissen (schwacher A.) oder nichts wissen können (starker A.). Bei Feen, Einhörnern und so weiter wird das in aller Regel nicht vertreten. Eine auch nur halbwegs begründete Position, warum im Falle von Göttern und konkret dem Wolkenpapa (im Gegensatz zu Zeus, Thor, Inanna, Isis, Diane, Astarte, …) völlig andere Maßstäbe für „Wissen“ und „Begründungen“ gelten sollten als in Alltag, Naturwissenschaft oder philosophischer Spekulation sonst, ist mir bislang nicht untergekommen – auch wenn das letztlich seit 200 Jahren die Generalstrategie der Theologie im engeren Sinne ist: Eben weil Gott nach üblichen Erkenntnismaßstäben widerlegt und unglaubwürdig ist, wird eben laufend die Anwendbarkeit normaler Erkenntnisstandards auf die Gegenstände der Theologie i. e. S. geleugnet. Weil ist so. Nur Fundis und Atheisten wollen das einfach nicht einsehen. Sind halt „intolerant“, etc., ad hominem & ad infinitum.)

  12. #12 von awmrkl am 12. Februar 2019 - 13:06

    „ob er zeitlos …“
    Das ist wohl ein mögliches „Problem“ mit allen Zeitdokumenten, die uns heute hoffnungslos veraltet vorkommen: Sehe ich es als historisches Dokument, mit allem Drumherum, was uns heute oft fürchterlich überkommen, bei Filmen oft extrem theatralisch überzeichnet vorkommt (mögliche Spätfolgen der Stummfilme)? Als Dokument des „so war es halt damals“.

    Evtl wäre es längst Zeit, einen (mehrteiligen? je) abendfüllenden Film zu machen, in dem die Bibel anhand der Bibel selbst (interne Widersprüche) und anhand heute für selbstverständlich Gehaltenem öffentlich ad absurdum führen, evtl noch die Ungeheuerlichkeiten an rel. Regeln, Vorschriften, Verboten, die dazuerfunden wurden und den in den Öffentlichen TV zur besten Sendezeit zu senden. Dazu die grassierenden Märchen entlarven (Caritas-Legende, Arbeitsrecht, …). Das wäre dann wohl Deschner&Co in mehrteiligem Filmformat. Auch für Dummies.

    Zu „Agnostiker“ und „gemäßigte Christen“ stimme ich latürnich zu, gebe allerdings zu bedenken, daß die zumindest vordergründig unser geringstes Problem darstellen.
    Erst wenn es um sowas wie „intellektuelle Redlichkeit“ (einer meiner Lieblingsbegriffe) geht, knirscht und hakt es an allen Ecken und Enden, da hast Du vollkommen recht!
    Nur: Ich denke hier eher pragmatisch und realpolitisch, hätte gerne alle im Boot die dazu bereit sind, um zuerst die politische und gesellschaftliche Über- bzw Definitionsmacht der Kirche(n) und Kleriker zu brechen (leider haben das damals weder Bismarck noch die Vorgänge 1918/1919 geschafft, zusätzlich zum Stand des Adels auch gleich noch den Stand der Kleriker abzuschaffen, ganz im Gegenteil).

    Und ich sehe die Gefahr(en) eher in postmodernen, (radikal-)konstruktivistischen (bäh), „anything-goes-WischiWaschi“ Haltungen als speziell(!) bei Agnostikern oder gemäßigten Christen.

    BTW, den Anstoß, mich tief mit diesen Zusammenhängen zu beschäftigen, waren erstmal genau solche privaten Runden (zB Zusammensitzen auf Terrasse u.ä.) mit heißen Diskussionen, hab aber schnell gemerkt, daß das Ins-Wackeln-Bringen der Überzeugung Einzelner für mich als „Einzelkämpfer“ viel weniger bewirkt als der möglichst gemeinsame Generalangriff auf die zugrundeliegenden Strukturen.