Glauben statt wissen – Religionen bergen eine andere Art von Erfahrung

Nicht wenige Theoretiker der Moderne meinten, dass die Religion mit der Ausbreitung des wissenschaftlichen Weltbildes absterben würde. Das ist nicht der Fall gewesen. Dennoch bleibt zwischen Glauben und Wissen ein Konflikt bestehen. Wichtig ist, dass der Staat Religionsfreiheit garantiert und Religion sich politisch zurückhält.

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[https://www.nzz.ch/meinung/glauben-statt-wissen-religionen-bergen-eine-andere-art-von-erfahrung-ld.1398501

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  1. #1 von Deus Ex Machina am 12. Juli 2018 - 16:33

    „dass die Religion mit der Ausbreitung des wissenschaftlichen Weltbildes absterben würde. “

    –> Breitet es sich denn aus? Wenn ja, dann sehr zaghaft, die Menschheit lernt langsam. Angesichts von so einem Unfug wie der Flat Earth Society oder allen möglichen Verschwörungstheorien stehen wir – wenn – noch fast ganz am Anfang.

  2. #2 von Noncredist am 12. Juli 2018 - 17:25

    Denn wir sind es gewohnt, alles erklären zu können. So soll es auch bei der Religion sein: Wir wollen, dass die Religion organisiert und erklärbar wird und sich einfügt in unser weltanschauliches System.

    Irrationales, unerklärliches und unbegreifliches muss nicht notwendigerweise moralisch aufgeladen sein. Wenn man etwas nicht erklären kann, dann kann man es nicht erklären. Schlimm, gut, besser oder schlechter wird das Phänomen dadurch nicht. Ganz egal was wir „wollen“.
    Das Problem liegt in der Gefahr, eigene irrationale und zum Teil gefährliche Handlungen dadurch „erklären“ zu wollen, dass eine „höhere Authorität“ – stets unbegreiflich, unüberprüfbar und nicht selten irrational – dem Ganzen den moralischen Stempel aufdrückt. Ohne(!) überprüfen zu können, ob die ganze Moral-Show auf einer Realität oder einer Fiktion beruht.

    „Ich darf meiner Tochter die Schamlippen entfernen. Mein Gott, den Du sowieso NIEMALS begreifen kannst, verlangt das. Denn es steht hier im Buch, was zu einer Zeit von unbekannten Autoren geschrieben wurde, dessen Intention ich mir nach belieben selbst zusammenreimen darf.“

    Nicht die Fantasie selbst ist die Gefahr. Es ist der Mensch, der sich anhand solcher Geschichten zu „höherem“ berufen fühlt. Und wie die Geschichte zeigt, nicht selten vor Mord und Todschlag nicht zurückschreckt, um den „höheren Willen“ zu erfüllen.

    Was ist unser weltanschauliches System, dem sich die Religion unterzuordnen hat?

    Das überprüfbare und belegbare. Ganz schlicht und einfach. Kann ich nicht belegen, dass mir der Apfel, das Automobil oder die Kleidung gehört, so kann ich nicht „beleglos“ die Behauptung aufstellen, mir gehöre all dies „von Natur aus“ oder „aus höherem Willen heraus“. Kein soziales System wird auf diese Weise lange bestand haben.

    Ein Demokrat wird sagen: Die Mehrheit bestimmt, was unser weltanschauliches System ist.

    Die Mehrheit der Menschen glaubte, die Sonne drehe sich um die Erde. Wenn alle dies sagen, weshalb sollte dies wahr sein?

    Der Historiker: Die Geschichte bestimmt, was unser weltanschauliches System ist.

    Und weil die Mehrheit gerne Hexen, merkwürdige Frauen, sterben sehen möchte, weil ihre Empathie durch durch simple rhetorische Manipulation in die Irre geführt wurde, ist ihre Ermordung … ja nun was … gerechtfertigt? Die Demokratie ist nur ein Bruchteil der Zeit auf dieser Erde. Die meiste Zeit wurden wir von „Blaublütlern“ regiert. Mal, weil das Stammesoberhaupt schöner war, mal weil „höhere Gerechtigkeiten“ uns „unseren König“ brachten. Wie kann die Zeit ein weltanschauliches System darlegen?

    Erkenntnisse, die von der Wissenschaft abgesichert sind, müssten zwingend von der Religion anerkannt werden, wird daraus gefolgert. Es wird eine wissenschaftskonforme Religion gefordert, die aufgeklärt ist und deren Entstehen entsprechend historisch erklärt werden kann.

    Und hier liegt das Problem. Religionen benötigen keine Wissenschaft. Ihr „Wissen“ müssen sie nicht „schaffen“, denn es wird schlichtweg ad hoc behauptet und per Definition für wahr gehalten. Gott sagt es? Dann muss es auch stimmen. Kein einziges Experiment darf angewendet werden, um die These zu überprüfen. Sagt es der Mann in der lustigen Kleidung und dem Fischkopf auf dem Schädel, dann ist diese „Eminenz“ vom Fleck weg der Verkünder der perfekten Wahrheit. Gott mit uns!

    Viel Spaß, dies in der Wissenschaft zu versuchen. Dort leckt man sich schon die Finger, jegliche These bis in ihre Grundmauern niederzubrennen.

    Nun stellt sich die Frage: Warum hält der Mensch, der das wissenschaftliche, rationale Denken hervorgebracht hat, an religiösen Vorstellungen fest? Und weiter: Ist es sinnvoll, wenn sich das eine Denken dem anderen Denken unterordnen muss?

    Erste Frage: Unbekanntes erzeugt nicht selten Unbehagen. Religionen, der Glaube an eine transzendente Existenz, ist eine Fluchtreaktion in eine „wohlbesonnene Welt“, abseits dieses Unbehagens. Was kommt nach dem Tod? Wer hat mich ewig lieb? Was tröstet jemand in Not? Rationale Antworten darauf sind unbefriedigend. Eingebildete „Überwesen“, stets auf der eigenen Seite, helfen.

    Zweite Frage: Ja. Ansonsten wird Missbrauch Tür und Tor geöffnet, wenn keine einzige Möglichkeit dagegen geschaffen wird.

    Oder anders gefragt: Ist eine Welt, die ausschliesslich von rationalem Denken beherrscht wird, wirklich besser als eine, die von religiösen Vorstellungen geprägt wird?

    Kann im schlimmsten Fall zum Strohmann werden, wenn es als falsche Dichotomie dargebracht wird.
    Besser: Ist eine Welt, die mit rationalem Denken agiert, näher an der weltlichen Realität als eine, die mit unbelegten Aussagen Menschen kontrollieren kann?
    Religiöse Vorstellungen fallen nicht vom Himmel. Sie benötigen einen „Schöpfer“. Wer Angst im Dunkeln hat, kann dies auf archaische Notsituationen aus der Steinzeit zurückführen. Ob jedoch Mr. Candyman, Satan oder etwaige „Wesen“ aus religiösen Geschichten tatsächlich die Ursache sein können, sollte man überprüfen dürfen. Aber exakt dies verhindern religiöse Systeme. Die Geschichte zeigt, dass Religionen sogar vor Mord nicht zurückgeschreckte, um Antithesen und Überprüfungen zu verhindern. In der Wissenschaft wird dies wohl kaum zum gewünschten Erfolg führen, denn die Fakten sprechen eine andere Sprache.

    Genau wie die Wissenschaft am Erforschen der unbekannten Natur ist, stellt die Religion Fragen nach dem letztlich nicht fassbaren Gott oder Göttlichen. Doch die Frage nach Gott ist heute eher peinlich, und wer sie stellt, macht sich lächerlich, wenn nicht gar verdächtig. Vielleicht müsste der Umgang mit religiösen Fragen und Vorstellungen im gesellschaftlichen Diskurs entkrampfter und freier werden, damit die religiöse Seite des Menschen sich positiver entwickeln könnte.

    Mit welchen Mitteln genau will man eine „nicht anfassbare“ Göttlichkeit nochmal genau überprüfen? Wenn die Naturwissenschaft angeblich keinen Zugang dazu haben kann und darf, und die Subjektivität der Menschen manipulierbar und demnach nicht als Maßstab dienen kann, wie nochmals genau kann man religiöse Fragen angehen? Ausser „Steht doch da im Buch!“ oder „Gott will es!“ bleiben einem dann wohl kaum viele Möglichkeiten offen, oder?

    Wenn der Staat aber beginnt, religiöse Institutionen anzuerkennen, wächst die Gefahr, dass die Vorsteher dieser Institutionen sich mehr und mehr mit politischen Fragen beschäftigen statt mit religiösen, wozu sie eigentlich staatlich anerkannt wurden. (..) bedenklich, da das Politische mit dem Religiösen auf höchster Ebene verknüpft wird. Den Gläubigen dieser Religionsgemeinschaft wird nicht mehr bei ihrer persönlichen spirituellen Entwicklung geholfen, sondern sie werden für politische Zwecke missbraucht. Das kann sehr gefährlich sein: Aus den weltweiten Nachrichten wissen wir, dass politisch-religiöse Konflikte die am schwierigsten zu lösenden Konflikte sind.

    Weshalb werden Menschen bei ihren pers. spirituellen Entwicklungen missbraucht, wenn eine Religion eine freiheitlich-demokratische Entscheidung torpediert? Wie soll ein Katholik, der einer katholischen Gemeinde angehört und Mitglied der römisch-katholischen Kirche ist, die EXPLIZIT die Sterbehilfe ablehnt, missbraucht werden, wenn „seine Kirche“ (= seine Gemeinde, seine spirituelle Heimat, …) sich nicht nur gegen die staatliche garantierte Freiheit des Menschen auf einen selbstbestimmten Tod stellt, sondern sie auch noch dank politischer Arbeit (CDU, CSU, Ethikräte, …) für Nichtmitglieder zwingend aufdringt? Das Recht auf einen selbstbestimmten Tod ist kein Zwang für Katholiken, auf diese Art sterben zu müssen. Politisch hingegen werden Nichtmitglieder mit den irrationalen Moralvorstellungen nicht nur konfrontiert, sondern gezwungenermaßen dazu bewegt, sie befolgen zu müssen. Auch wenn der „Glaube“ dazu schlichtweg fehlt.

    Deswegen wäre es besser, wenn der Staat sich darauf fokussierte, Menschen statt Institutionen anzuerkennen. Dies könnte er erreichen, indem er das christlich-konfessionell geprägte Landeskirchenmodell durch ein freiheitliches, allen Religionsgruppen offenstehendes System ersetzte.

    Wie bitte? Menschen statt Institutionen? Besondere Imame und Pastoren bekommen dann eine besondere Anerkennung und Förderung? Nicht ganz so begabte Geisteranbeter gehen dann leer aus? Und das Landeskirchenmodell aus dem Mittelalter soll durch ein „freiheitliches“ System ersetzt werden? Eher werden die AfD und die NPD zusammen gesamt Deutschland regieren, als dass die Politik sich dazu entscheiden wird 😀
    Weder einigt man sich über die Abgaben aus Napoleons Zeiten, die wir noch immer alljährlich, zur Missgunst aller nichtchristlichen Organisationen die nunmal „zu spät“ kamen, durchfüttern. Noch wird das Nazi-Reichskonkordat auseinandergepflückt und modernisiert, was den anderen weltanschaulichen Modellen, frei von Göttern und Geistern, zugute kommen würde. Schließlich „benötigt“ der Staat das Christentum. Einerseits als Wahlvieh, andererseits als einseitige Moralapostel. Das das nicht auf Dauer gut ausgehen kann, je mehr man sich „freiheitlich-demokratisch“ entwickelt, dürfte klar sein. Aber das der Staat sich nun „darauf fokussiert“, für Kirchen (= Wählerstimmen) extrem profitable Systeme über Bord zu werfen, bleibt wohl weiterhin ein feuchter Traum 😉

  3. #3 von Willie am 12. Juli 2018 - 22:23

    Nicht wenige Theoretiker der Moderne meinten, dass die Religion mit der Ausbreitung des wissenschaftlichen Weltbildes absterben würde.

    Betrachtet man es aus userer heutige Zeit, wo immer noch viele keinen „anständigen“ Zugriff auf breite Bldung haben, und sogar wie im Bsp. D. nicht durchgängig genug, dann sind die Religionen nicht ausgestorben, aber sie verebben dennoch.

    Allgemein sollte aber auch bekannt sein, dass Zukunftsprognosen auch letzendlich dem Barnum-Effekt unterliegen und die Parameter sich laufend verändern.

    Wenn nur diese Religionen nicht wären, dann wäre es viel friedlicher auf der Welt . . . Diesen Satz hört oder liest man nicht selten.

    Ich benutye den lieber in abgewandelter Form, da er dann aussagekräftiger ist: Wenn es die Religionen nicht gäbe. dann gäbe es einen Grund weniger sich die Köpfe, ob verbal oder physisch, einzuschlagen.

    Religion, die sich unerklärbar und unkontrollierbar zeigt, ist für viele Menschen in der Schweiz bedrohlich und stammt aus einer anderen Welt und Zeit.

    Religion ist immer unerklärbar, das liegt in der Natur des Transzendenten, nicht fassbaren Bezugs. Sehr wohl erklärbar ist wie Religion wirkt und auch warum sich manche Menschen darin flüchten.

    Denn wir sind es gewohnt, alles erklären zu können.

    Das ist ein Trugbild, welches eben auch aus der Religion, bei uns besonders der monotheistischen, tradiert wurde und wird. Seriöse Wissenschafter werden niemals eine Erklärung als den Endpunkt, der absoluten Lösung deklarieren.

    Es stellt sich jedoch die Frage: Was ist unser weltanschauliches System, dem sich die Religion unterzuordnen hat?

    Nein, das ist der zweite vor den ersten Shritte. Der erste ist: Warum sollten die vielen, auch untershiedlichen, Religionen über dem Staat stehen?

    Was heute als eiserne Regel gilt, kann bereits morgen durch neu gewonnene Erkenntnisse revidiert werden.

    Nochmals, diese eiserne Regel gibt es in seri¨oser Wissenschaft nicht. Es gibt Prozedere, ja, mehr aber auch nicht. Bei „unseren“ Religionen ist es aber immer der Gott oder der Gottes Wille als letzte, fixe Instanz.

    Ist eine Welt, die ausschliesslich von rationalem Denken beherrscht wird, wirklich besser als eine, die von religiösen Vorstellungen geprägt wird?

    Ja, man schaue sich nur die Jahrhundert in unseren Breitengraden an, wo die religiösen Vorstellungen tonangebend waren.

    Und weiter: Ist es sinnvoll, wenn sich das eine Denken dem anderen Denken unterordnen muss?

    Jetzt ist es nur noch „das Denken“, Eingangs war es noch die Unterordnung unter ein System.

    Oder anders gefragt: Ist eine Welt, die ausschliesslich von rationalem Denken beherrscht wird, wirklich besser als eine, die von religiösen Vorstellungen geprägt wird?

    Opfer-Täter-Umkehr? Das kenne ich auch anders, z.B. wenn es um inländische Probleme geht und man dann auf Saudi Arabien, China oder auch die USA verweist. Ob besser oder schlechter ist eben auch dem eigenen Denken und dem damit einhergehenden Empfinden geschuldet. Fakt ist aber, dass ohne Religion(en) diese keinen Ansruch erheben können und damit erfordeliche Prozesse blockieren bis gar abwürgen können.

    Genau wie die Wissenschaft am Erforschen der unbekannten Natur ist, stellt die Religion Fragen nach dem letztlich nicht fassbaren Gott oder Göttlichen.

    Nein, das tut die Religion nicht. Der Gott ist Vorbedingung und lediglich die dem Zeitgeist und der wissenschaftlichen Erkenntnis geschuldeten alten Definitionen werden wortreich umgeschrieben – nicht inhaltlich, eben nur wortreich verwirrdender.

    Vielleicht müsste der Umgang mit religiösen Fragen und Vorstellungen im gesellschaftlichen Diskurs entkrampfter und freier werden, damit die religiöse Seite des Menschen sich positiver entwickeln könnte.

    Die religiöse Seite braucht sich nicht entwickeln, da es die vielen Religionen damit auch nicht obsolet macht oder besser erklärbar macht. Das Konfliktpotential, wie oben angedeutet, bleibt weiterhin bestehen.

  4. #4 von Willie am 12. Juli 2018 - 22:24

    Ach ja, nochwas zu:

    Markus Jost ist evangelischer und katholischer Theologe MA …

    Genau dies zeigt doch bereits, dass es nicht die eine Religion gibt und dass man nicht miteinander kann und will.

  5. #5 von user unknown am 15. Juli 2018 - 01:55

    Nicht wenige Theoretiker der Moderne meinten, dass die Religion mit der Ausbreitung des wissenschaftlichen Weltbildes absterben würde. Das ist nicht der Fall gewesen.

    Das tut sie ja auch.

    Immer mehr Menschen verlassen die Religion, und auch von innen zerbröselt sie. Die, die noch religiös sind, gehen nicht mehr so oft in die Kirche, schreiben nicht mehr so vieles den Göttern zu, halten die Religion aus immer mehr Bereichen des Lebens raus.

    Es geht langsam vonstatten, aber ich glaube es gibt kein Zurück.

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