„Der Fehler der Kirche ist die Annahme, dass Europa christlich ist“

Professor Roy, in Italien und Deutschland wird über Kruzifixe im öffentlichen Raum lebhaft debattiert. Man will, so die Befürworter, die jeweilige Identität stärken. War und ist Europa überhaupt christlich?

Früher war Europa christlich, die meisten Menschen praktizierten den Glauben und waren vor allem Gläubige. Natürlich gab es die Reformation, die dann zwei Christenheiten hervorbrachte. Europa war also lange Zeit christlich in religiöser Hinsicht. Seit den 60er Jahren haben die säkularen Werte wie sexuelle Befreiung, Abtreibung, Homo-Ehe die christlichen Werte säkularisiert. Noch zu Beginn der 60er gab es keine großen Unterschiede zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen in Bezug etwa auf Geschlechtergleichheit, also dass Männer mehr Macht haben sollten als Frauen und diese zuallererst Mütter seien und für den Haushalt zu sorgen hätten. Diese Werte wurden allgemein geteilt. Gleiches gilt für das Bild der Familie oder dass sexuelle Freiheiten kontrolliert werden sollten. Erst seit den 60ern haben wir eine wachsende Kluft.

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[http://www.fr.de/kultur/populismus-der-fehler-der-kirche-ist-die-annahme-dass-europa-christlich-ist-a-1528088

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  1. #1 von schiffmo am 21. Juni 2018 - 09:53

    Man sollte diesen Herrn Roy mal lesen, ich denke, dass er einiges geschrieben hat, das sehr bedenkenswert ist. Vielleicht ist dieses „die veränderten Werte haben säkularisiert“ einfach falsch zugespitzt, das paßt nicht so richtig zu dem, was ich sonst noch über Herrn Roy gelesen habe. Meines Erachtens waren die Werte nämlich schon immer da, und der Unterschied ist, dass sie gelebt werden können, weil das Leben dieser angeblich neuen Werte nicht mehr in die gesellschaftliche Isolation führt.
    Menschen, die bedauert haben, dass andere Menschen, die niemandem was angetan haben, außer gegen (meist sexuelle) Regeln verstoßen zu haben, haben schon immer verstanden, dass die Kirche da ungerechterweise Menschen unterdrückt und benachteiligt, auch schon lang vor den 60ern. Ich hatte eine Großmutter, die da viele Geschichten davon erzählen konnte, die in den 60ern bereits jahrzehntelang vorbei waren.
    Die Gelegenheiten, abseits von diesen Regeln der Kathos bestimmte Werte gut und rechtschaffen zu leben, sind in den 60ern natürlich viel mehr geworden.
    Auch die Frage, ob dieses Europa jemals so christlich war, wie interessierte Kreise immer wieder behaupten, führt auf viele interessante Gedanken.
    – Ganz besonders die katholische Kirche war nie besonders „christlich“ (im Sinne des Bildes, das die interessierten Kreise in den Köpfen verankern wollen), sondern vor allem reich, geldgierig und korrupt. Es sollte nur möglichst nicht allzu sehr auffallen, damit die Schafe nicht von der Fahne gehen. Aber die Angst, dass die Schafe genau das tun, war immer da, durch die ganze Geschichte der Kirchen. Wie denn auch anders, denn die wußten immer genau, dass da nichts ist außer die Schafe, was ihnen Macht gibt. Die Kleriker, die tatsächlich selbst an den Wolkenpapa glauben und glaubten, spielen da keine Rolle.
    – Nicht-Kleriker, auch wenn sie nicht glaub(t)en, konnten immer zu ihrem Vorteil mit den Klerikern zusammenarbeiten.
    – Gewissenszweifel der Kleriker konnten immer von der nächsthöheren Hierarchiestelle im richtigen Sinne „geradegerückt“ werden. Priorität hat immer der finanzielle und machtpolitische Status der Kirche, und nur in diesem Rahmen war und ist das Gedankengebäude wichtig. Je weiter es nach oben geht, desto weiter weg rückt das Schaf und desto weiter nach oben rückt das Konto, mit dem der vatikanische Kunstmaler und Möbelpolsterer bezahlt wird, und das nie leer werden darf. Schließlich hilft da stetiges Füllen des Kontos am allerbesten.

  2. #2 von Charlie am 21. Juni 2018 - 15:29

    Na ja, Osteuropa ist schon eher christlich. Christlich und rechts.