EuGH: Dürfen jetzt auch Atheisten für die Kirche arbeiten?

Die Kirchen sind einer der größten Arbeitgeber, jetzt hat der Europäische Gerichtshof ein wegweisendes Urteil gefällt: Die Konfession darf bei der Jobvergabe nicht immer eine Rolle spielen. Was das bedeutet.

weiterlesen:

[http://www.spiegel.de/karriere/eugh-was-bedeutet-das-urteil-zur-konfession-a-1203324.html

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  1. #1 von ichglaubsnicht am 17. April 2018 - 16:41

    Was die Kirchenlobbyisten in der deutschen Politik seit Jahren blockieren muss der EuGH richten. Die individuelle Unterscheidung, ob die Kirchenmitgliedschaft für die entsprechende Position notwendig ist ergibt Sinn, für ihre Pfarrer können sie das meinetwegen vorschreiben.
    Damit bricht nun auch einer der wichtigsten Gründe für viele Kirchenmitglieder weg, der bislang einen Austritt verhindert hat.

  2. #2 von Diamond Mcnamara am 17. April 2018 - 18:38

    Allzu schnell wird sich da immer noch nichts ändern…Schön wär’s.

  3. #3 von Hypathia am 17. April 2018 - 19:00

    Die Frage bleibt auch, wer festlegt, welcher Job mit Anders- oder Nichtkonfessionellen besetzt werden darf.

  4. #4 von Unechter Pole am 17. April 2018 - 19:51

    @Hypathia
    „Kirchen ordnen und verwalten ihre Angelegenheiten selbstständig“ – ist ja klaaar.

  5. #5 von Hypathia am 17. April 2018 - 20:22

    @ Unechter Pole

    Genau das befürchte ich auch. Also wird sich genau gar nix ändern!

  6. #6 von Unechter Pole am 17. April 2018 - 20:30

    @Hypathia
    Und es wird weiterhin der weitere Teil des Satzes wie bisher unterschlagen: „… innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes.“

  7. #7 von Noncredist am 17. April 2018 - 21:37

    Wenn Kirchen von ihren Bewerbern und Angestellten eine Konfessionszugehörigkeit fordern, dann verstößt dies gegen das Antidiskriminierungsgesetz.

    Ist damit nun nicht sehr viel anders als z.Bsp. Schnellimbisse oder Werkstätten. Dem Arbeitgeber ist es eigentlich vollkommen egal, ob die einzustellende Person lieber Horrorfilme mag, Vegan lebt oder dreimal am Tag beten muss. Wenn die Arbeit während der Arbeitszeit professionell erledigt wird – was der Arbeitgeber nunmal per Arbeitsvertrag verlangt – so soll es eben so sein.

    Und natürlich ist es vollkommen klar, dass ein KATHOLISCHER Arbeitgeber, bei der Verkündung KATHOLISCHER Geistergeschichten, auf KATHOLISCHE Kirchenmitglieder eher Wert legt, als auf buddhistische Mönche. Bei einer Autoreparatur-Werkstatt setzt der Arbeitgeber ebenfalls auf einen Mitarbeiter, der seine Arbeit gelernt und verstanden hat.

    Was ist also das Problem?
    Nunja … dass in Berufen, welche keiner Verkündigung des Glaubens bedarf, nun jedes Gericht sich individuell beschäftigen darf. Der Grundsatz lautet, dass die Religionszugehörigkeit für den Beruf, z.Bsp. als Arzt, Putzkraft oder Elektrotechniker, keine Rolle (mehr) spielt. Davor war es selbstverständlich, dass man Menschen aufgrund anderer Glaubensvorstellungen problemlos absagen konnte.

    In jedem Fall müssen die Grundrechte von beiden Seiten von nun an abgewogen werden. Dabei kommt es immer auf die Tätigkeit an, die der Bewerber auszuführen hat.

    Achtung! Zynismus: Eine hervorragende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für unsere ständig unbelasteten Gerichte.

    Glückwunsch. Eine ganz simple und logische Schlußfolgerung muss nun von Gerichten brav entschieden werden. Wohl weil bei der Geisteranbetung man der Meinung sein muss, dass selbst eine Putzkraft den selben Glauben besitzen muss, weil ansonsten … nunja … die Welt untergeht oder Dämonen in den Körpern schlüpfen oder was auch immer.

    Das Urteil erkennt das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen an – aber nur, insoweit es einen Bezug zur Tätigkeit gibt.

    Für die Kirchen womöglich ein Wunder der christlichen Gottheit!

    Für mich wohl das simpelste „Urteil“, was in diesem Jahr gefällt wurde 😀

    Das „Selbstbestimmungsrecht“ eines Werkstattmeisters, für den „verkündigungsnahen“ Job des Automechanikers auch einen ausgebildeten Automechaniker einzustellen, und nicht jeden Nicht-Fachmann wie etwa einen jüdischen Rabbi ohne jegliche Ausbildung als Automechaniker, ist wohl mehr als verständlich. Es ist das wohl simpelste, was man mit einem gesunden Menschenverstand erwarten sollte.

    Und wenn man eine Tätigkeit in einem „nicht-verkündigungsnahen“ Job, etwa als Putzkraft in der Werkstatt, vom Arbeitgeber abgesagt wird, weil man keine Autos reparieren kann, was man als Putzkraft erstens nicht soll, und zweitens nicht zu erwarten hat, dann darf man wohl die Ausbildung zum Mechaniker – als Vorraussetzung – wohl zu Recht als Grund für eine Diskriminierung ansehen.

    Extrem simpel, aber wohl für eine zweitausend(!) Jahre alte Moralinstitution, mit direkter Standleitung zum Moralmonopolisten im Universum, noch immer was völlig neues 😀 😀

    Wenn jemand die Lohnabrechnung für Kirchenmitarbeiter macht, spielt die Konfession keine Rolle. Anders sieht es aus, wenn sich jemand um Kirchenaustritte kümmert und vielleicht bei ehemaligen Kirchenmitgliedern anrufen muss, um die Gründe zu erfragen

    Und weshalb sollte der Mitarbeiter am Telefon, wenn es um die Gründe geht, einer Konfession angehören? Entscheidet dieser Mitarbeiter – gemäß seiner Befugnis – über die Erlaubnis zum Kirchenaustritt? Natürlich kann nur eine katholisch ausgebildete Person, welche noch aktives Mitglied der exakt gleichen Kirche ist, über einen Kirchenaustritt zu entscheiden und dessen Gründe „abzuwiegen“. Es wäre ja vollkommen unvorstellbar, dass die Person gemäß eines bestimmten Fragekataloges einfach nur einen Zettel ausfüllt … egal ob die Person nun Links- oder Rechtshänder, oder an Allah oder Zeus glaubt. Sowas kann kein normaler Mensch ausführen. Zumindest scheint dies der Fall zu sein 🙂

    Die Katholische Kirche (..) begrüße die Klarstellung des Gerichts, „dass den staatlichen Gerichten im Regelfall nicht zusteht, über das religiöse Ethos der Religionsgemeinschaft zu befinden“. Die Kirche selbst lege ihr Selbstverständnis fest, nicht der Staat oder ein Gericht.

    Und, weil man es nicht anders erwartet hat, gleich noch einen Strohmann zum Schluss.
    Was eine Kirche definiert, wie sie sich „selbst zu verstehen“ hat und den religiösen(!) Ethos einer Kirche ggf. zu maßregeln, war niemals Teil der Diskussion. Die Kirchen dürfen weiterhin – ohne Scham – die Homosexualität, den Atheismus und den säkularen Humanismus als Todfeinde von Göttern betrachten. Was in den Köpfen von den Dämonenaustreibern vorzugehen hat, dürfen sie natürlich weiterhin verkünden. Sie dürfen ihre Vorstellungen weiterhin gerne – staatlich gefördert – kultivieren. Kirchenfeiern werden auch in Zukunft gerne von Steuergeldern mitgetragen. Auch dürfen sie weiterhin gerne den Glauben verkünden, Abtreibungen führe zur Vernichtung unserer Spezies usw. usf.
    Rein gar nichts davon war Teil dieser gerichtlichen Entscheidung. Es ging schlicht nur darum, ob „verkündigungsferne“ Berufe, die nichtg mit der Verkündigung des Glaubens zu tun haben, eine Religionszugehörigeit als Vorraussetzung notwendig macht. Die Kirche konnte nicht darlegen, weshalb solche Berufe eine Zugehörigkeit zu der Religionsgemeinschaft verlange. Und das war’s.

  8. #8 von Willie am 18. April 2018 - 00:08

    Die Katholische Kirche will nun prüfen, ob sie die Einstellungspraxis verändern muss, so teilte die Deutsche Bischofskonferenz in Bonn mit, sie begrüße die Klarstellung des Gerichts, „dass den staatlichen Gerichten im Regelfall nicht zusteht, über das religiöse Ethos der Religionsgemeinschaft zu befinden“.

    Und die Schwurbler schwurbeln weiter.

  9. #9 von awmrkl am 18. April 2018 - 02:58

    „Selbstbestimmungsrecht der Kirchen“

    Nein!
    Es gibt „SelbstVERWALTUNGSrecht der Kirchen“ bzw der KdöR!
    Dazwischen liegen Welten an Unterschieden!

  10. #10 von Skydaddy am 18. April 2018 - 12:53

    Die Kirchen können ja ruhig ihre EIGENEN Verhältnisse selbst bestimmen.

    Das Arbeitsrecht tangiert allerdings die Rechte ANDERER, und deren Interessen sind nicht mit denen der Kirche identisch, sondern können den Interessen der Kirche, gerade im Arbeitsrecht, entgegengesetzt sein.

    Deshalb sollte das Arbeitsrecht überhaupt nicht als (alleinige) Angelegenheit der Kirche betrachtet werden.

    Hierzu hat der bekannte Berliner Jurist Bernhard Schlink vor ein paar Jahren einen bemerkenswerten Artikel veröffentlicht, dem ich mehr Beachtung wünschen würde.

    Abstract:

    Traditionell umfassen die Angelegenheiten der Religionsgesellschaften das, was die Mitglieder der Religionsgesellschaften als Mitglieder, mit Mitgliedern und für Mitglieder betreiben. Demgegenüber vereinnahmt ein usurpatorischer Begriff der Angelegenheiten alles, was die Religionsgesellschaften durch, mit und für irgendjemanden tun. Auch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts hat diesen Begriff aufgegriffen. Sie hat ihm aber nie rechtliche Geltung verschafft. Es ist Zeit, zum traditionellen Verständnis zurückzukehren.

    Fazit des Artikels:

    Das Verständnis des Rechts der Religionsgesellschaften, ihre Angelegenheiten selbständig zu ordnen und zu verwalten, hat eine eigentümliche Entwicklung durchlaufen. Es wurde als Recht gestiftet, das die Kirchen aus ihrer zugleich privilegierenden und bevormundenden staatlichen Abhängigkeit in die Selbständigkeit eines gesellschaftlichen Verbands im Genuß der bürgerlichen Freiheiten, besonders der Religionsfreiheit, und im Zaum der bürgerlichen Pflichten entlassen sollte. In den Forderungen des staatskirchenrechtlichen Schrifttums und in obiter dicta des BVerfG wurde es in ein Recht verwandelt, das den Kirchen als dem Staat ähnlichen Größen von einzigartiger Qualität und Legitimation ein Verfügungsrecht über die gibt, die sie zur Erfüllung ihrer Aufgaben brauchen.

    Dieses Verständnis entstand zum einen aus der Nachkriegsvorstellung, die Kirchen besäßen eine andere Qualität und Legitimität als andere gesellschaftliche Verbände, weil sie das Dritte Reich anders als diese integer überstanden hätten. Es entstand zum anderen in einer Gesellschaft, in der tatsächlich beide, Kirche und Staat, den Menschen als Ganzes in allen Feldern seiner Betätigung und seines Verhaltens ansprachen, weil nahezu jeder Mensch beides war, Staatsbürger und Kirchenmitglied. Die Usurpierung der Angelegenheiten derer, denen die Kirchen bei Besorgung ihrer Angelegenheiten begegneten und die sie für deren Besorgung brauchten, traf meistens Kirchenmitglieder, und was die Kirchen als von ihrem Selbstverständnis gefordert für nötig hielten, konnte auf die Akzeptanz von Politik und Justiz, die sich ebenfalls meistens aus Kirchenmitgliedern rekrutierten, rechnen.

    Es bedarf nicht der Ausführung der Probleme und Konflikte, zu denen der usurpatorische Begriff der Angelegenheit, wenn er nicht mehr nur den Kirchen, sondern Religionsgesellschaften aller Art zugute käme, führen könnte. Es genügt, daß die Nachkriegsvorstellung von der Rolle der Kirchen im Dritten Reich einer differenzierteren Sicht gewichen und die Zahl der Kirchenmitglieder drastisch gesunken ist. Der weite Begriff der Angelegenheit usurpiert nicht mehr die Angelegenheiten fast nur von Kirchenmitgliedern und trifft in Politik und Justiz nicht mehr auf die Resonanz fast nur von Kirchenmitgliedern. Gestimmt hat er nie, er hat lediglich in den Geist der Zeit gepaßt. Heute tut er auch das nicht mehr.

    Quelle: Juristenzeitung 68, 209–218 DOI: 10.1628/002268813X13558217783532