Brauchen wir Religionen?

Die Antwort auf eine Leserfrage zu ewigen Wahrheiten.

Lieber Herr S.
Sie meinen es gewiss gut mit der Welt; dennoch muss ich Ihnen in allem widersprechen, was Sie in Ihren Fragen voraussetzen.

  • Erstens: Ob die Religionen für die Menschheit mehr Leid als Segen hervorgebracht haben, bezweifle ich. Nur schon im Hinblick auf die Leichenberge des 20. Jahrhunderts, die atheistische Diktaturen aufgehäuft haben (Mao, Pol Pot, Hitler, Stalin), scheint mir das von Religionen verursachte Elend nicht zum Schrecklichsten zu gehören, unter dem die Menschheit gelitten hat.
  • Zweitens: Es gibt einen religiös motivierten Obskurantismus wie den Kreationismus. Aber zur neueren Geschichte gehören auch die Eugenik und der naturwissenschaftlich geadelte Rassismus des 19. und 20. Jahrhunderts.
  • Drittens: Die heiligen Bücher, von denen Sie sprechen, sind nicht vor «circa 1000 Jahren» entstanden. Die ­kanonisierte Fassung des Neuen Testaments ist etwa 1600 Jahre alt, die erste Niederschrift des Korans 200 Jahre jünger, die Thora als erster und wichtigster Teil der hebräischen Bibel (die ihrerseits Teil der christlichen Bibel ist) dürfte in schriftlicher Form etwa 3000 Jahre alt sein, ihre mündliche Überlieferung reicht viel weiter zurück.
  • Viertens: Was sollte in einem «Upgrade» denn stehen? Seid a) lieb zueinander; im Übrigen gelten b) der jeweils aktuelle Stand der Forschung sowie c) die sexualkundlichen Lernziele des Lehrplans 21?

Ihre Utopie erscheint mir wie eine Neuauflage des «Kults der Vernunft», der im nachrevolutionären Frankreich der 1790er-Jahre das Christentum ersetzen sollte, aber auch des Projekts des «utopischen» Sozialisten Henri de Saint-Simon, der die Religion durch Wissenschaft ersetzen wollte. Die Pointe ­solcher Versuche ist, dass der vermeintliche Befreiungsschlag, mit dem man der Geschichte entkommen möchte, nur in eine Verabsolutierung des herrschenden gutmeinenden Zeitgeists münden kann. Weil das an die Stelle der Tradition gesetzte Konstrukt sich aber seiner eigenen Geschichtlichkeit nicht mehr bewusst ist, wird es dümmer, als jede Religion es jemals gewesen ist.

weiterlesen:

[http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/brauchen-wir-religionen/story/21110636

 

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  1. #1 von Deus Ex Machina am 20. Juli 2017 - 09:12

    „Nur schon im Hinblick auf die Leichenberge des 20. Jahrhunderts, die atheistische Diktaturen aufgehäuft haben (Mao, Pol Pot, Hitler, Stalin)“

    –> Und es geht los. Die selben alten müden Geschichtsklitterungen….

  2. #2 von Charlie am 20. Juli 2017 - 09:40

    Nur schon im Hinblick auf die Leichenberge des 20. Jahrhunderts, die atheistische Diktaturen aufgehäuft haben (Mao, Pol Pot, Hitler, Stalin), scheint mir das von Religionen verursachte Elend nicht zum Schrecklichsten zu gehören, unter dem die Menschheit gelitten hat.

    Es wurde schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem.

  3. #3 von oheinfussel am 20. Juli 2017 - 10:20

    Wie kann das sein, dass diese Verfälschung der Geschichte immer noch so dummdreist wiederholt werden darf?!

    Es.Stimmt.Einfach.Nicht.

    That’s it’s

  4. #4 von paul0f am 20. Juli 2017 - 11:42

    Nur schon im Hinblick auf die Leichenberge des 20. Jahrhunderts, die atheistische Diktaturen aufgehäuft haben (Mao, Pol Pot, Hitler, Stalin), scheint mir das von Religionen verursachte Elend nicht zum Schrecklichsten zu gehören, unter dem die Menschheit gelitten hat.<

    Das scheint der Reflex der Schuldigen zu sein.
    Wird man auf sein eigenes Fehverhalten aufmerksam gemacht, kommt reflexartig die Aussage „Aber die haben viel mehr Unfug gemacht als wir“.
    (Mal abgesehen von der offensichtlichen Geschichtsverfälschung bzw. Lüge.)

    Fazit – so wäre es m.E. richtig: >Im Hinblick auf die Leichenberge der vergangenen und aktuellen religiösen Diktaturen scheint mir der Verzicht auf Religion nicht zum Schrecklichsten zu gehören.<

  5. #5 von Elvenpath am 20. Juli 2017 - 12:45

    Meinen Kommentar, dass Adolf kein Atheist, sondern Christ war, haben sie nicht freigeschaltet.

  6. #6 von manglaubtesnicht am 20. Juli 2017 - 16:29

    Habe den Autoren bei Twitter darauf angesprochen. Darauf grätschte eine dritte Person hinein:

    Norbert Brücker‏ @n_bruecker: „Nach den Juden wären die katholischen Bischöfe dran gewesen. Der Jesuiten Orden war ja schon verboten. Komische Christen die Nazis.“ „Zudem heißt es doch, liebe Deinen nächsten wie dich selbst. KZ, Gaskammern, über 6 Mio. Tote ist kein Christentum und wird es nie werden.“

    Meinen die Leute das ernst?

  7. #7 von Deus Ex Machina am 20. Juli 2017 - 17:42

    @ Elvenpath:

    Selbst wenn deine nicht freigeschaltet würden, gibt es schon eine ganze Reihe von Kommentaren mit ähnlichem Tenor. Die Zeiten, wo Leute wie Herr Schneider unwidersprochen so einen Mist verzapfen konnten, sind vorüber.
    Hab auch mal mehrere Kommentare abgesetzt, u.a. mit dem Hinweis auf den Schwur der SS und dessen Aussagen über Atheisten und – natürlich der Klassiker! – das Koppelschloss der Wehrmacht.

  8. #8 von Deus Ex Machina am 20. Juli 2017 - 21:49

    Update:

    Einer von drei Kommentaren wurde nur freigeschaltet. Und natürlich gerade die Hinweise auf die seeeehr enge Verflechtung Kirche – 3. Reich sind nicht dabei.
    Habe diesen nochmal ganz kurz und knapp abgesandt. Mal schauen, ob der Tagesanzeiger sich der Wahrheit verpflichtet fühlt…

  9. #9 von Deus Ex Machina am 20. Juli 2017 - 23:37

    Update 2:

    Nein, dabei sind sehr viel neuere Kommentare längst online.
    Tja, was lernen wir daraus? Diese Dreckspublikation will weiterhin das Märchen vom atheist. 3.Reich aufrechterhalten. Zensur!
    Die kriegen morgen mal einen Leserbrief von mir.

  10. #10 von manglaubtesnicht am 21. Juli 2017 - 00:54

    @deus: Sehr gut!