»Kirche wirkt systemstabilisierend«

Der Segen der Kirchen stärkt also die Moral der Truppe, was wenig überrascht. Eher unbekannt ist aber, unter welch klandestinen Bedingungen die Militärseelsorge nach 1945 auf dem BRD-Gebiet neu gegründet wurde.

Ein Gespräch mit Christian Arndt. Über evangelische Militärseelsorge, die Heimlichtuerei um deren Entstehung nach 1945 und die Absegnung von Kriegseinsätzen

.. Es war ein damals verschwiegener und ist heute ein beschwiegener Vorgang. Ich musste bei den Recherchen zum Thema immer wieder Pausen machen, weil ich mich so aufgeregt habe. Zum Verständnis muss man wissen, dass führende Geistliche, die Parteigänger der Nazis waren, nach Kriegsende ganz unverfroren in der evangelischen Kirche das Ruder in die Hand nahmen.

.. Was man über alle drei sagen kann: Sie waren Antidemokraten, geprägt vom Staatskirchentum, vom Antisemitismus, vom Kampf gegen die Arbeiterbewegung. In der NSDAP fanden sie einen Bündnispartner. Dennoch gelten sie bis heute als »bedeutende Persönlichkeiten des Protestantismus im 20. Jahrhundert«, was einer Verhöhnung aller Opfer des Faschismus gleichkommt.

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  1. #1 von m0ebius am 18. April 2017 - 20:11

    Herr Arndt verdient großen Respekt dafür, in diesem Interview die Wahrheit über die eigene Kirche gegen deren Interessen zu verbreiten. Viele Zusammenhänge sind zwar nicht im engeren Sinne überraschend (dass alte Nazis in der frühen Bundesrepublik und insbesondere bei der Remilitarisierung reichlich Einfluss hatten, ist ja bekannt, da liegt das auch für die Kirche nahe), aber bisher fehlte mir der Beleg dafür.

    Es schließt sich aber unmittelbar die Frage an, was es über eine behauptete moralische Instanz aussagt, wenn sie bei solchen Dingen mitmacht. Der Erkenntnis, dass Offenbarung und damit Theologie grundsätzlich nicht zur Beantwortung ethischer Fragen geeignet sind, weil sie letztlich willkürlich sind, stellt sich Herr Arndt dann leider doch nicht.

  2. #2 von aranxo am 19. April 2017 - 17:40

    Sie waren Antidemokraten, geprägt vom Staatskirchentum, vom Antisemitismus, vom Kampf gegen die Arbeiterbewegung. In der NSDAP fanden sie einen Bündnispartner. Dennoch gelten sie bis heute als »bedeutende Persönlichkeiten des Protestantismus im 20. Jahrhundert«, was einer Verhöhnung aller Opfer des Faschismus gleichkommt.

    Sarkastisch gesagt: Das mindert ja nicht deren Bedeutung für den Protestantismus im 20. Jahrhundert, sondern im Gegenteil, es macht sie geradezu exemplarisch.

    Nicht erst der IS missbraucht den Glauben. Adolf Hitler beschrieb die Funktion der Geistlichkeit im Krieg mit Blick auf seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg so: »Ob protestantischer Pastor oder katholischer Pfarrer, sie tragen beide gemeinsam im Kriege unendlich bei zum so langen Erhalten unserer Widerstandskraft.«

    Ach ja, immer dieser so arg schändlich missbrauchte Glaube, die Geschichten von den wahren und den falschen Schotten, die in Wirklichkeit friedliche Botschaft. Wenn die Glaubensinhalte tatsächlich so unmissverständlich sind, warum werden sie dann immer wieder missverstanden?