Kirchliches Mimimi und geistiger Harndrang

OK, es wurden hier schon viele Artikel zur Frage der Abschaffung des Tanzverbots gepostet. Trotzdem ist der folgende Artikel von Peter Winnemöller ausnahmsweise lesenswert, denn er liefert einen bemerkenswerten Einblick in die katholische Denkweise.

Wir sollten gut überlegen, bevor wir christliche Feiertage abschaffen

Zunächst macht Winnemöller deutlich, dass Katholiken und Protestanten früher größere Arschlöcher waren als diejenigen, die heute gegen das Tanzverbot anfeiern. Die hängten damals nämlich an den Feiertagen der jeweils anderen Konfession demonstrativ ihre Wäsche raus, nur um die „Gegenseite“ (Christen, wohlgemerkt) zu ärgern:

Es gab, glaubt man den alten Erzählungen, in vielen Dörfern den Brauch, dass die katholischen Frauen am Karfreitag die Wäsche draußen zum Trocknen aufhängten. Karfreitag ist für evangelische Christen der höchste Feiertag. Die evangelischen Hausfrauen revanchierten sich, in dem sie an Fronleichnam Wäsche in den Garten hingen. Das war echte Old School-Ökumene.

Mit seinem letzten Satz verdeutlicht Winnemöller zugleich, dass derartige Auseinandersetzungen im Rückblick als halb so wild betrachtet werden. Genauso wird es mit dem Tanzverbot sein – nur, dass da die Befürworter von 2017 als die kleinkarierten Missgünstigen dastehen werden, die Andersgläubigen nicht das Schwarze unter den Nägeln gönnen. Und sei es nur deshalb, weil sie irgendwann in der Minderheit sein werden. Die Zustimmung für das Tanzverbot wird weiter sinken, soviel ist sicher. Das hindert aber natürlich gute Katholiken wie Peter Winnemöller nicht daran, sich trotzdem noch nach Kräften als Bremsklotz der Zivilisation zu gerieren.

Aber immerhin – das muss man Winnemöller zugutehalten – nicht mit den üblichen, oberflächlichen Argumenten von JournalistInnen wie Claudia Becker, die von dem Feiertag, den sie verteidigen, vermutlich wenig Ahnung haben. Ich war beeindruckt davon, wie Winnemöller den Karfreitag aus der Sicht eines gläubigen Katholiken beschreibt (das dürfte freilich nur noch eine kleine Minderheit in Deutschland sein) – und das, obwohl der Karfreitag bei den Katholiken Winnemöller zufolge „vergleichsweise stiefmütterlich behandelt“ wird: „Am Karfreitag gilt streng genommen nicht einmal die Feiertagsruhe für einen Katholiken.“ Hört, hört!

Die Liturgie der Kirche am Karfreitag ist so sonderbar wie der Tag selber. … Die Kirche versammelt sich zur Todesstunde Christi um 15 Uhr zu einem Gottesdienst, den es so tatsächlich nur einmal im Jahr gibt. Passionserzählung und Kreuzverehrung sowie die anschließende Spendung der Kommunion sind die Höhepunkte. Ein Open End beschließt den Gottesdienst. Er bleibt offen für das Geschehen der Osternacht.

Danach geht die Gemeinde zumeist still auseinander. Die Liturgie des Tages, wie die Kirche sie begeht, lässt niemanden kalt. Im Grunde beginnt dann das, was die Kirche den ganzen Karsamstag über tut: Still am Grab Jesu verharren. Wir wissen ja, dass Ostern kommt, doch wir bleiben bei den Jüngern Jesu, die nichts davon wußten, obwohl es der Herr angekündigt hatte. Sie verblieben still und verschreckt beieinander.

Womit Winnemöller zum Tanzverbot kommt:

Diese Stille, in der wir am Grab ausharren und auf die Osternacht warten, ist es, die den Karfreitag zu einem stillen Feiertag macht. Unterhaltungen, wie Theater, Kino oder andere Aufführungen sind gesetzlich eingeschränkt. Tanzveranstaltungen sind bis zum kommenden Morgen um sechs Uhr untersagt. Begründet ist dies durch den kulturprägenden Charakter des Christentums in Deutschland. Man sieht auf den ersten Blick, wie sehr Kultur dann doch zu kurz greift, denn für die Kirche ist ja auch der Karsamstag, an dem staatlich schon wieder gefeiert werden kann, noch ein stiller Tag.

Als ob Winnemöller nun auch noch das Klischee des scheinheiligen Katholiken bedienen wollte, der meint, es sei alles erlaubt, solange man sich nicht erwischen lässt oder niemand so genau hinschaut (eine „Kultur“, die heute wohl eher als problematisch wahrgenommen werden dürfte, besonders im Bereich der Katholischen Kirche), ist das Tanzen an sich für ihn offenbar gar nicht so schlimm – man sollte nur bitte kein Aufheben darum machen:

Gerade das Tanzverbot, welches in den meisten Bundesländern an drei Tagen im Jahr gilt, wird jährlich wieder angeprangert und durch manchmal mehr, manchmal weniger witzige Aktionen unterlaufen. Es wurde auch früher am Karfreitag in Diskotheken getanzt. Man machte die Musik etwas leiser und passte auf, dass der Typ vom Ordnungsamt das nicht mitbekam. Fertig. Kein öffentliches Mimimi, wie es heute üblich ist.

Mimimi wie die Wäsche, die die katholischen Frauen früher aus Missgunst am Karfreitag aufgehängt haben? Dann müssen die Artikel von Winnemöller und anderen wohl als Meta-Mimimi bezeichnet werden.

Oder Mimimi wie bei den Homosexuellen, die sich bis in die 1960er Jahre haben erwischen lassen? Die sich nicht gut genug versteckt haben? Und dann vom Staat ins Gefängnis gesteckt wurden – oder sich wegen der zu erwartenden Reaktion ihrer christlich geprägten Umwelt gleich das Leben nahmen?

In einem Punkt ist Winnemöller nämlich zuzustimmen: Das Tanzverbot ist in der Tat Ausdruck der „kulturprägenden Kraft des Christentums“. Genau wie früher Gefängnisstrafen für Schwule, die Benachteiligung von unehelichen Kindern, der Ehemann als Oberhaupt der Familie usw. – alles christliche Prägungen staatlicher Gesetze, die zum Glück mittlerweile abgeschafft sind und die sich kaum jemand zurückwünscht – vielleicht nicht einmal Herr Winnemöller. (Hint: Im Rückblick und mit etwas Abstand entpuppt sich vieles, was man sich sich in seiner religiös geprägten Fantasie schlimm ausmalt, als halb so wild. Die deutschen Bischöfe waren seinerzeit gegen das Grundgesetz, weil es ihnen nicht kirchenfreundlich genug war. Heute preisen sie das deutsche System, das seitdem noch erheblich um christliche „Prägungen“ bereinigt wurde, als bestmöglichen Kompromiss zwischen Staatskirche und Laizismus a la Frankreich.)

Leider gibt es immer noch genug „christliche Prägung“ in Deutschland: Kreuze in öffentlichen Gebäuden (speziell Schulen), Gottesbezüge in Grundgesetz und Landesverfassungen, eigenes Arbeitsrecht für kirchliche Unternehmen, vorgeschriebene Kirchensendungen in Radio und Fernsehen … Was Winnemöller als „christliche Prägung“ verteidigt, wird von Nichtchristen (die sich über so etwas Gedanken machen) als christliche Pissmarken (sorry, aber ich kenne keinen besseren Vergleich) wahrgenommen: Wie ein Hund triebhaft überall Reviermarkierungen setzt, so haben offenbar immer noch genug Christen und christliche Politiker instinktiv das Bedürfnis, mit Hilfe des Staates ihr Revier zu markieren. Das Problem dabei: Was dort markiert wird, ist nicht das Revier der Kirchen. Christen können gerne ihre Kirchen und Häuser als christlich markieren. Aber nicht öffentliche Räume, Verfassungen, oder die Freizeit ihrer MitbürgerInnen.

Diese reagieren dann zu Recht angepisst.

Wenn die Kirchen kein Mimimi wollen, sollen sie sich dafür einsetzen, den Grund für das Mimimi zu entfernen: Das Tanzverbot. Dann kann jeder machen, was er will, und ein öffentliches Mimimi wird unnötig.

Nach dem Entscheid des Bundesverfassungsgerichts Ende letzten Jahres ist es gegenwärtig allerdings so, dass man NUR in Abgrenzung zum Christentum feiern kann: Unterhaltsame Veranstaltungen an stillen Feiertagen MÜSSEN politisch-weltanschaulich begründet sein, um eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten.

Insofern ist das Verhalten der Veranstalter seit diesem Jahr kein Mimimi mehr, sondern die bloße Wahrnehmung ihres Rechts.

Das Mimimi kommt von den Kirchen.

Eigentlich könnten Winnemöller und die Katholiken ganz beruhigt sein:

Nimmt man den kulturprägenden Charakter der Feiertage, so fallen die Feiertage selbst in kürzester Zeit.

Einem Katholiken kann es gleich sein. Für uns ist Karfreitag. Auch am historischen Karfreitag in Jerusalem war ein Alltag.

Damit räumt Winnemöller ein, dass überhaupt keine Notwendigkeit für ein Tanzverbot besteht.

Aber der geistige Harndrang war offenbar zu stark.

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  1. #1 von Hypathia am 15. April 2017 - 09:42

    Das Problem mit den Religioten ist, dass sie nicht einfach nur ihre Religion und Riten ausüben wollen, nein, sie wollen, dass alle, egal ob sie nun dran glauben oder nicht, ihre Bräuche mitmachen.
    Es geht ihnen gewaltig gegen den Strich, dass Nicht-Gläubige auch ohne Überpapi glücklich sind. Also unternehmen sie alles Mögliche, um deren Leben genauso trostlos und eingeschränkt zu machen, wie ihr eigenes.
    Wie erbärmlich!!!! 🙄

  2. #2 von Veria am 15. April 2017 - 11:49

    Ich dachte, wir hätten für den Karfreitag jetzt einen Kompromiss: http://www.der-postillon.com/2017/04/tanzverbot.html

  3. #3 von Skydaddy am 15. April 2017 - 12:26

    @Veria:

    Mein Kompromissvorschlag war, dass nur Musik von MC Hammer gespielt wird.

  4. #4 von Veria am 15. April 2017 - 12:30

    Hm.
    Lieber Hammerfall und Nine Inch Nails.
    Okay?

  5. #5 von awmrkl am 16. April 2017 - 03:20

    „den Grund für das Mimimi zu entfernen: Das Tanzverbot.“

    Bei dieser Gelegenheit bitte auch entfernen:
    — jegliches Glockengetöse (ist mir besonders wichtig, da in direkter Sichtlinie und Schalleinwirkung wohnend – Sonntagmorgen und Ruhe: kannst vergessen!)
    — jeden staatlich sanktionierten Religionsunterricht
    — das gesamte „Kirchenrecht“, v.a. Arbeitsrecht betreffend
    — Bezahlung der „höheren Berufs-Religioten“ aus Steuergeldern statt aus Kirchengeldern
    — usw. – die Liste ist lang, aber bekannt.

  6. #6 von Willie am 16. April 2017 - 03:36

    Aber der geistige Harndrang war offenbar zu stark.

    Das bringt es auf den Punkt.

  7. #7 von awmrkl am 16. April 2017 - 03:37

    Und ja, dieses WIR gegen DIE und DIE gegen WIR kenne -und hasse- ich noch sehr gut aus den 50er und 60er Jahren. Es war genauso oder gar noch schlimmer (Stadt mittlerer Größe in der Oberpfalz, und zu dieser Zeit war es tatsächlich meist Katholen vs Evangelen mit entsprechenden Vorurteilen, meist von zuhause eingeimpft, bis hin zu Schlägereien im Schulhof oder beim Nachhauseweg).
    Grauenhaft!

  8. #8 von awmrkl am 16. April 2017 - 03:44

    Noch was: Komisch, daß schon wieder mal kein Kommentar möglich ist :

    „Wir sollten gut überlegen, bevor wir christliche Feiertage abschaffen“
    http://the-germanz.de/wir-sollten-gut-ueberlegen-bevor-wir-christliche-feiertage-abschaffen/

    Sehr seltsam das …

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