Vom Glauben der Ungläubigen

Die Kirchen schrumpfen, die Zahl der Nicht-Religiösen wächst, die Atheisten organisieren sich. Und doch geht das Gespenst des Christentums um. Oder war es gar nie weg?

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Sie glauben nicht einfach nichts. Offenbar sind nur zwei Prozent der Schweizer Bevölkerung der Ansicht, dass Gott nicht existiere. Der Atheist, der illusionslos davon überzeugt ist, dass der Tod das endgültige Aus bedeutet, und der selbst in der grössten Krise kein Stossgebet zum Himmel schickt, ist die Ausnahme. Sogar er flucht «Dammit!», ruft also im Zorn den Allmächtigen an. Die Zahlen verbergen ein methodisches Problem. Erstens drücken sie nur formelle Verhältnisse aus: Wer aus der Kirche austritt, ist deswegen noch lange nicht areligiös. Wahrscheinlich lehnt er deren Dogmen ab, sicher aber spart er Geld.

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Ein prominenter Erforscher der «Säkularen» ist der amerikanische Religionssoziologe Phil Zuckerman. Er führt zwar mit seinen Probanden, die meist «Apostaten» sind, also mit ihren religiösen Herkunftsmilieus gebrochen haben, längere Interviews, in denen diese versichern, sie glaubten nicht mehr an Gott und lebten besser ohne Religion. Vor lauter Begeisterung über die Aussagen vergisst der Soziologe, sie zu kontextualisieren. Die Befragten nämlich kommen oft aus fundamentalistischen Milieus, die ihre Lebensführung strikt reglementiert haben. Wer wäre nicht froh, diesem Mief entronnen zu sein?

Weil Zuckerman Religion mit Fundamentalismus gleichsetzt, kommt er zum Schluss, dass seine gut gebildeten Atheisten im Vergleich mit Gläubigen die besseren Menschen seien, da sie tolerante und liberale Einstellungen hätten, zum Beispiel gegenüber Fremden und Homosexuellen. Vielleicht seien die Menschen von Natur aus säkular, mutmasst er sogar – für das hochreligiöse US-Publikum wohl eine Provokation.

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Für die wissenschaftspositivistische, teilweise militante Bewegung, die im deutschen Sprachraum durch die Giordano-Bruno-Stiftung oder die Freidenker vertreten wird, ist Religion schlicht «irrational». Diese dogmatischen Atheisten muten wie eine religiöse Splittergruppe an.

Woran nun glauben die Kirchenfernen, die Indifferenten? In ihrem Privatglauben existiert sehr wohl eine höhere, heilige Macht, die etwa für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt, die mehr vermag als die Menschen selbst und die über deren Schicksal bestimmt. Magische, astrologische oder buddhistische Energien, welche die diffus Spirituellen zu ihren Gunsten zu kanalisieren suchen, fliessen in ihrem Glaubensuniversum. Die Säkularisierung habe die Welt «entzaubert», sagt die Wissenschaft, doch die meisten Menschen betreiben unbeirrt deren religiöse Wiederverzauberung.

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Das Gespenst des Christentums geht wieder um – oder war es gar nie weg? Es schickt sich an, den Platz der zwei grossen Ideologien einzunehmen, die forsch eine Gesellschaft ohne – oder fast ohne – Kirche und Religion schaffen wollten: der Liberalismus und der Kommunismus.

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Wir sind nie säkularisiert gewesen, um einen Satz des Soziologen Bruno Latour abzuwandeln. Die Religion ist nicht von der Bildfläche verschwunden, wie die Aufklärung und die Naturwissenschaften glaubten. Die schweizerische Bundesverfassung hebt an mit «Im Namen Gottes des Allmächtigen!», jedem noch so mediokren Alpengipfel hat man ein stattliches Christuskreuz aufgepflanzt.

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Im Westen ist keine Ideologie in Sicht, die es mit dem Christentum und dem Götterglauben aufnehmen könnte. Der Psychoanalytiker Jacques Lacan hat kurz vor der anarchistischen Revolte von 1968 den Satz formuliert, dass die einzige zutreffende Formel für den Atheismus nicht laute, Gott sei tot, sondern, Gott sei unbewusst. Man könnte den Satz so deuten: So tief hat die Religion uns durchdrungen, dass nicht einmal der Ungläubige sie loswird.

weiterlesen:

[https://www.nzz.ch/gesellschaft/vom-glauben-der-unglaeubigen-ld.155846

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  1. #1 von oheinfussel am 7. April 2017 - 10:19

    Genau, wer mal „Verdammt“ oder „Himmel nochmal“ ausruft, ist kein Atheist – ist klar O_o
    Atheismus ist auch ein Glaube,.die Wievielte?

  2. #2 von Elvenpath am 7. April 2017 - 10:38

    So lange die Religioten die Situation so falsch beurteilen, brauchen sie sich nicht zu wundern, dass ihnen die Schäfchen weg laufen und immer weniger Menschen an ihren Gott glauben.

    Wer einen Ausruf „Oh, mein Gott“ als Zeichen dafür nimmt, dass ein Atheist auch an „Gott“ glaubt, der macht sich wirklich was vor. Denn der Spruch ist nur eine Gewohnheit, eine Ausdruck, die man als Kind übernommen hat.

  3. #3 von Hypathia am 7. April 2017 - 11:42

    Selbst wenn es so ist, dass nicht alle, die aus der Kirche ausgetreten sind, Atheisten sind, sind diese Menschen trotzdem für die Kirchen verloren. Und die nächste Generation interessiert sich noch weniger für den ganzen Relikramuri.
    Aber man (die Kirchen) kann sich ja alles irgendwie schönreden.

  4. #4 von deradmiral am 7. April 2017 - 11:48

    „Wir sind nie säkularisiert gewesen, …“

    Genau das prangern wir an: Der Staat hat sich nie aus den Fuchteln der beiden Staatskirchen befreit, die jetzt noch die Zeugen Jehovas, (seit dem 3. Reich) die Juden und gerade den Islam ins Boot holen.

    Macht doch Eurer Religionsdings ganz privat und hört auf Euer Hobby von uns Atheisten finanzieren zu lassen.

  5. #5 von RME am 7. April 2017 - 15:29

    Der Autor geht – wie alle Dogmatiker – von einer indiskutablen Basis aus, die bei ihm heißt „Gott existiert“. Sein ganzer Artikel zeugt von seinem Zweifel an der Logik, des von ihm selbst beobachteten Glaubensrükgang in der Gesellschaft, und weil nicht sein kann was nicht sein darf, wird diese Beobachtung „zurechtgestrickt“

    Der Artikel ist schlecht recherchiert, es werden Fakten ignoriert. Friedlich aufklärerische Organisationen werden als „militant“ gebrandmarkt.Kulturelle und sprachliche Einflüsse/Erziehung werden als Ausdruck des Glauben interpretiert. Ich bin erschüttert über so wenig Professionalität bei der NZZ..

    Die Statistik ist unglaublich geschönt: Der 10. Platz bei 20% Atheisten ist lachhaft…Wo sind Frankreich, Belgien, China, Kuba, Russland, Deutschland, etc.. Da sollte man sich u.U. auch mal hier schlau machen: https://fowid.de/meldung/anteile-und-anzahl-atheisten-agnostikern-gottlosen.

    Kürzlich hat mir jemand gesagt, wenn ich „Oh Gott!“ ausrufe, wenn etwas überraschendes passiert, sei es ein Stoßgebet und ich würde doch glauben. Nein, es ist ein sprachlich, kulturelle Prägung und ähnlich bedeutsam wie ein lautes „Scheiße !“ – das sagt man zwar nicht – aber man kann es wohl auch nicht immer vermeiden…

    Sicher hat der Autor recht, da gibt es wohl konfessionslose Menschen, die einen Glauben haben. Genauso gibt es aber auch „kulturelle“ Christen, die aus historischen und sozialen Gründen einer Kirche angehören, aber auch Atheisten sind..(Ich kenne selbst einige..)

    Von den vielen Agnostikern ist im Artikel auch keine Rede..

    Der Autor hat auch unrecht, wenn er meint, es gibt keine Alternative zum verbreiteten Christentum. Sicher belegen christliche Kirchen einige gesellschaftliche und soziale Themen, die in dieser Fülle von kaum einer einzelnen anderen Organisation besetzt sind, jedoch werden zum Glück spezielle Themen zunehmend häufig umfassend von spezialisierten Organisationen besetzt, z.B. Organisationen für Belange von Behinderten, Kindern, Verfolgten, Familien, verschiedensten Minderheiten, etc.pp. Es ist gut so, dass es nicht immer professionell zölibitär lebende alte Männer oder indoktrinierte Laien sind, die diese Themen besetzen, sondern Profis..

    Die Kirchen fürchten zu Recht ihren Machtverlust und nutzen Medien effizient, um Atheisten manchmal als „Böse“, meist aber als kleine, unwichtige Minderheit darzustellen..

    Schade, dass sich die NZZ dafür hergibt…
    Zur Ehrenrettung des Autors möchte ich noch auf diesen Link in der NZZ verweisen: https://www.nzz.ch/gesellschaft/saekularisierung-moderne-gesellschaften-brauchen-keine-religion-mehr-ld.155845

  6. #6 von aranxo am 7. April 2017 - 15:37

    Diese militanten Atheisten mal wieder, die militant Ansichten vertreten, die andere Menschen in ihren Gefühlen verletzen könnten. Gegen die ist jeder mit wahlweise Sprechstoffgürtel, Axt, Machete oder LKW bewaffnete Islamist ja ein Waisenknabe.

  7. #7 von Gerry am 7. April 2017 - 16:02

    Für die wissenschaftspositivistische, teilweise militante Bewegung, die im deutschen Sprachraum durch die Giordano-Bruno-Stiftung oder die Freidenker vertreten wird

    Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz ging auf das Konto der gbs? Die Morde an Herrhausen und Buback auch?

    Das muss dieser Qualitätsjournalismus von dem etablierte Medien wie die NZZ gerne reden…

  8. #8 von dezer.de am 7. April 2017 - 19:16

    Shit, ich bin also gar kein Atheist? Woher weiss ich jetzt aber an welchen Gott ich glaube und welcher Konfession ich angehöre? Gibts da ein Notruftelefon?

  9. #9 von Charlie am 7. April 2017 - 20:25

    teilweise militante Bewegung

    Welche Militanz? Wer, was, wann, wo?

  10. #10 von ichglaubsnicht am 7. April 2017 - 21:51

    @AMB
    Passiert doch ständig, dass ein Atheist „Für Dawkins!“ rufend Gläubige mit der im „Gottlos Glücklich“-Button verbauten Sicherheitsnadel angreift.

    @dezer
    Versuchs doch bei der Telefonseelsorge, die ist von den Kirchen organisiert.

  11. #11 von drawingwarrior am 7. April 2017 - 22:18

    „Ein militanter Atheist ist ein Atheist mit einem Mund!“
    David Silverman Statedirector of the American Atheists

  12. #12 von Stephan_ATH am 8. April 2017 - 01:09

    dass sich der Artikel auch kritisch gegenüber dem Christentum verhält, wird in der Zusammenfassung des AMB vorenthalten:

    „Man beschwört «christliche Werte», die «das Abendland» vom Rest der Welt trennen. Ungeschönt tritt die politische Dimension jeder Religion zutage: ihre Anhänger den Andersgläubigen als überlegen zu erweisen. Die Reformation, der Auftakt auch zu blutigen Massakern, wird gefeiert als Geburtsstunde von Aufklärung und modernem Individualismus. So reinigt man die christliche Tradition von ihren verstörenden anachronistischen Seiten, von Gewalttätigkeit, Fanatismus, Antisemitismus.“

    es stimmt mich bedenklich wenn man versucht, mittels Halbwahrheiten Stimmungsmache betreibt. Skeptiker sollten sich klüger, rationaler verhalten.

    Fake News
    sad!

  13. #13 von Stephan_ATH am 8. April 2017 - 01:15

    in Ergänzung zur vorangegangenen Post, ein weiterer Auszug aus dem Artikel, der sich ebenfalls kritisch mit der christlichen Religion auseinandersetzt:

    „Die moderne Schweiz ist nicht dank, sondern trotz den Kirchen entstanden, die mit der Glaubensfreiheit ihre liebe Mühe hatten, die Normen des auf Gewaltenteilung beruhenden Rechtsstaates sind nicht mit, sondern gegen das Christentum durchgesetzt worden.“

  14. #14 von RME am 8. April 2017 - 07:59

    @Stephan_ATH Das ist korrekt. Eine solche Sicht ist auch häufig bei Gläubigen ( im weitesten Sinn) anzutreffen: Wenn Aspekte nicht recht passen werden sie häufig als Missbrauch ihrer Idee kritisiert. Hier ist es der politische Aspekt. Andere Christen kritisieren zB. den Kirchenapparat. Ich finde diese Kritik vollkommen korrekt, jedoch springt sie zu kurz, da der Glauben ohne diese mächtigen Strukturen wohl nicht in diesem Verbreitung existieren würde..D.h. das eine bedingt das andere – dies sagen ja Kirchenführer auch ganz offen…

  15. #15 von awmrkl am 8. April 2017 - 10:16

    Schon wieder mal kein Kommentar zum Ori-Artikel möglich …
    Ein unsägliches Geschwafel, nicht zu fassen.
    Tendenziöse Statistik-Grafiken (von „pastoral…“ Site), praktisch ausschließlich Behauptungen ohne jeden Beleg, zum Teil sich widersprechende Behauptungen, grauenhaft!
    Dabei habe ich die NZZ mal für reichlich seriös gehalten. Revidiert.

  16. #16 von user unknown am 8. April 2017 - 10:46

    @Stephan_ATH
    Bleibt aber dennoch die Frage, was für eine Privatdefinition von Militanz der Autor des Artikels hat, um sie der GBS nachzusagen.

  17. #17 von Stephan_ATH am 9. April 2017 - 11:27

    zu #16
    der Begriff vom „militanten Atheismus“ ist natürlich ein völliger Fehlgriff; wohl dem Versuch geschuldet, ein Antonym zum religiösen Fundamentalismus zu schaffen. Was weder in der Theorie gelingt, entsprechend auch nicht in der Realität existiert.
    ich denke, der Autor bemüht sich die Balance aus Verdienst und Versagen beider Seiten. Was auch der Grund ist, was auch den missratenen Artikel erklärt.

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