Nicht empfehlenswert: dein-kirchenaustritt.de

Vor einem Monat wurde hier von einem „Start-up“ berichtet, der Hilfestellung beim Kirchenaustritt geben will und sogar die Austrittsgebühr erstatten, wenn man sich im Gegenzug bereiterklärt, einen Teil seiner Kirchensteuer an eine Hilfsorganisation zu spenden. Das warf mehrere Fragen auf, u.a. „Braucht es überhaupt einen Hilfsdienst beim Kirchenaustritt?“ und „Wie soll sich das Ganze finanzieren?“. Nicht nur hier auf dem Blog wurde darüber hinaus kritisiert, dass auf der Website dein-kirchenaustritt.de der Eindruck vermittelt wird, der Kirchenaustritt gefährde die „soziale Infrastruktur“.

Skydaddy hat ist der Sache nachgegangen und kommt zu dem Schluss: dein-kirchenaustritt.de kann derzeit nicht empfohlen werden und sollte nicht unnötig beworben werden. Die Gründe:

  • Auf der Website wird der Eindruck vermittelt, Kirchenaustritte gefährdeten die „soziale Infrastruktur“ – dabei profitiert die Allgemeinheit von den Kirchenaustritten: Dadurch, dass die gesparte Kirchensteuer nicht mehr von der Einkommensteuer abgesetzt wird, nimmt der Staat mehr ein, als rechnerisch von der Kirchensteuer für gemeinnützige Zwecke ausgegeben wird.
  • Auf der Website wird nicht deutlich, dass man nach dem Kirchenaustritt nicht den kompletten Betrag der zuvor ausgewiesenen Kirchensteuer zur Verfügung hat. (Wegen der höheren Einkommensteuer, s.o.) Außerdem kann das „besondere Kirchgeld in glaubensverschiedener Ehe“ greifen, falls der Partner Kirchenmitglied ist. Die Besucher der Website können also die finanziellen Konsequenzen des Kirchenaustritts nicht richtig einschätzen. Da diese Effekte erst viel später auf dem Steuerbescheid sichtbar werden, als die Spendenverpflichtung eingegangen wird, ist zumindest für einige Teilnehmer eine unangenehme Überraschung vorprogrammiert.
  • Das Geschäftsmodell der Seitenbetreiber – insbesondere die kostenträchtige Erstattung der Austrittsgebühr – wird sich vermutlich nur dann wieder rentieren, wenn sie für die vermittelten Spenden Provisionen kassieren. Das Problem dabei: Wer spenden will, will auch, dass seine Spende komplett der Hilfsorganisation zugutekommt. Bei kommerziellen Spendenwerbern – auf die einer der Seitenbetreiber in zwei Interviews ausdrücklich als Finanzierungsmodell Bezug nahm – fließt oft ein Großteil der Spenden gar nicht mehr an den vorgesehenen Empfänger, sondern in die Provision für denjenigen, der die Spende geworben hat. Beim Provisionsmodell würde sich der Ausgetretene seine Austrittsgebühr quasi selbst „erstatten“ – aber ohne es zu merken, da die Gebühr aus der Provision erstattet würde, die von seiner Spende abgeht und an die Spendenwerber fließt.

Der Auftritt der Seitenbetreiber ist zudem wenig vertrauenerweckend.

Mehr dazu beim hpd.

P.S.: Die Betreiber der Website haben offenbar gestern Abend das Formular entfernt, mit dem man die Informationen anfordern konnte, und eine Auszeit angekündigt. Dies kurz nachdem Skydaddy ihnen seine Rechercheergebnisse zur Stellungnahme gemailt hatte.

  1. #1 von Skydaddy am 15. November 2016 - 16:28

    Während Skydaddy recherchiert hat, hat der BR nur berichtet: http://www.br.de/puls/themen/welt/kirchenaustritt-in-deutschland-100.html

  2. #2 von manglaubtesnicht am 15. November 2016 - 16:52

    Sehe ich das richtig, dass die versprochenen Informationen z.B. bei kirchenaustritt.de allesamt frei verfügbar sind? Leistet die Website über das Liefern dieser Informationen hinaus Services, die die Hürden zum Austreten vereinfachen?

  3. #3 von manglaubtesnicht am 15. November 2016 - 17:01

    Oh, ausserdem –

    @Skydaddy: Well done, sir.

  4. #4 von Skydaddy am 15. November 2016 - 17:14

    @mgen:

    Die Informationen, die mein Bekannter per PDF erhielt, waren allesamt frei verfügbar – zum einen per Google-Suche nach „kirchenaustritt“ kombiniert mit dem Heimatort, zum anderen auf kirchenaustritt.de.

    Die Seitenbetreiber werden also nichts anderes tun, als ein, zweimal zu googeln.

    In dem PDF war allerdings nicht die Telefonnummer der Stelle angegeben, die für den Kirchenaustritt zuständig sein sollte. Um aber zu testen, wie zuverlässig die Informationen sind, habe ich dort angerufen. (Die Nummer hatte ich ja bei meiner eigenen Suche gefunden.) Es stellte sich heraus, dass der Kirchenaustritt 20km entfernt erklärt werden musste. (In der Google-Suche konnte man das „rückblickend“ immerhin erkennen – bei dem PDF nicht.) Hier handelt es sich zwar wohl um einen etwas unglücklichen Sonderfall, aber der Mehrwert der Dienstleistung geht m.E. gegen Null.

    Zusatzinfo für AMB-Leser:

    Die Seitenbetreiber werden mit dem Problem konfrontiert sein, dass jeder, der nach Kirchenaustritt und seinem Heimatort googelt, die Seite seiner zuständigen Behörde VOR deren Website angezeigt bekommt. Von daher bezweifele ich, dass die Zielgruppe die Website überhaupt findet. Um das Problem zu lösen, müssten die Werbung auf Suchmaschinen zu „Kirchenaustritt“ schalten UND mit der Erstattung der Austrittsgebühr werben.

    Das gleiche gilt für Leute, die googeln, wie sie einer Hilfsorganisation spenden können.

  5. #5 von Skydaddy am 15. November 2016 - 17:15

    Oh, und außerdem –

    @mgen: DANKE!

  6. #6 von Friedensgrenze am 15. November 2016 - 17:40

    „Die Seitenbetreiber werden mit dem Problem konfrontiert sein, dass jeder, der nach Kirchenaustritt und seinem Heimatort googelt, die Seite seiner zuständigen Behörde VOR deren Website angezeigt bekommt. “

    dein Kirchenaustritt.de schneller finden zu lassen als Kirchenaustritt.de war sicher das Ziel der Veröffentlichungen im Rundfunk und der Kampagne.

    Wenn ein Katholik vorgibt den Kirchenaustritt erleichtern zu wollen muß was faul sein.

    Also Ziele dieser Seite sind meines Erachtens:

    Die Daten der Austrittswilligen zu bekommen bevor der Schritt vollzogen ist. Dann kann bei Weiterleitung eventuell der örtliche Pfarrer weitere Weichen stellen.

    Verunsicherung und Frust durch Fehlinformationen bei den Austrittswilligen hervorzurufen

    Das falsche Vorurteil die Kirche helfe, aufrecht zu erhalten.

    Atheisten auszunehmen.

    Zeit zu schinden.

    Und dann der feuchte Traum, sich als Katholik zum angeblichen Sprecher der Atheisten zu machen.

    Gratulation Skydaddy dass Du drangeblieben bist!

  7. #7 von Friedensgrenze am 15. November 2016 - 17:58

    Ich denke in Wirklichkeit hätte Niels Reinhard gerne solch einen Zugang zum Kirchenaustritt:

    http://sebi-rockt.de/2011/07/12/douglas-adams-wo-waren-die-bauplane-nochmal/

  8. #8 von user unknown am 15. November 2016 - 22:16

    Off topic: Heute ist Open-Secular-Day. https://twitter.com/OpenlySecular/status/798554237915504641

  9. #9 von Till am 16. November 2016 - 13:15

    Austrittshilfe für Mormonen: http://www.mormonresignation.com/

  10. #10 von deradmiral am 16. November 2016 - 14:16

    Ist damit der Ketzerpodcast am nächsten Sonntag erledigt? Oder ketzern wir dennoch darüber…

  11. #11 von manglaubtesnicht am 16. November 2016 - 14:24

    @deradmiral: Bitte ketzern! Insbesondere anbetrachts unser aller Reichweite kann Doppel- und Dreifachbeketzerung auf möglichst vielen Kanälen keinesfalls schaden.

  12. #12 von Skydaddy am 16. November 2016 - 17:04

    Ein Ketzer Spezial ist in der Tat für Sonntag geplant. Thema anlässlich des Advents: Kommerzielle Spendenwerber und dein-kirchenaustritt.de.