Politologin Elham Manea: „Keine Sonderrechte für Muslime“

Die jemenitisch-schweizerische Politologin über Schariaräte in Europa, falsch verstandene Toleranz und die Geschlechterfrage im Islam

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[http://derstandard.at/2000047393156/Politologin-Elham-Manea-Keine-Sonderrechte-fuer-Muslime

  1. #1 von Skydaddy am 14. November 2016 - 12:10

    Den Muslimen Sonderrechte zu verwehren wäre erheblich einfacher und unproblematischer, wenn in Deutschland nicht vor und nach dem Krieg massiv Sonderrechte für die Kirchen etabliert worden wären – unter dem Deckmantel der „wohlwollenden Neutralität“ des Staates, nicht gegenüber den Kirchen (das wäre ja nicht „neutral“), sondern vorgeblich für ALLE Religionen.

    Mir fällt gerade ein:

    Selbst, wenn den Muslimen offiziell keine Sonderrechte bzw. kein Spezialrecht eingeräumt wird, ließe sich etwas derartiges relativ leicht etablieren:

    Die muslimischen Organisationen müssten nur – und werden das über kurz oder lang auch tun – ihre eigenen „Tendenzbetriebe“ etablieren – was sie bei dem derzeitigen System in Deutschland („Subsidiarität“) auch mit fast vollständiger Finanzierung durch den Staat und die Nutzer tun können.

    Und wenn die katholische Kirche durchsetzen kann, dass ihre Mitarbeiter nicht mit gleichgeschlechtlichen Partnern zusammenleben oder zum zweiten mal heiraten, sehe ich nicht, wie sichergestellt werden sollte, dass dies nicht gegenüber den Beschäftigten zu einer Scharia-artigen Durchsetzung islamischer Regeln führen sollte.

    Umgekehrt sehe ich nicht, wie man einerseits gegen die Scharia sein kann, aber gleichzeitig den Einfluss der Kirchen auf das Privatleben ihrer Beschäftigten billigen.

  2. #2 von Gerry am 14. November 2016 - 13:43

    Umgekehrt sehe ich nicht, wie man einerseits gegen die Scharia sein kann, aber gleichzeitig den Einfluss der Kirchen auf das Privatleben ihrer Beschäftigten billigen.

    Mit nem hirnwurmverseuchten Gehirn geht das wunderbar😉

  3. #3 von ptie am 14. November 2016 - 13:49

    Erlaubnis der Polygamie für Angestellte der muslimischen Tendenzbetriebe?

  4. #4 von dirk am 14. November 2016 - 16:16

    Vollkommen verwirrend, auf der einen Seite spricht die Frau von einem Islam und auf der anderen von Islamismus.

    Wo ist den der Unterschied zwischen den Ansichten eines strenggläubigen Koran wortgetreuen Muslim und eines Islamisten?

    Und dann auf einem mal fordert sie eine grundlegende Veränderung des gegenwärtigen Islams.

  5. #5 von Willie am 15. November 2016 - 01:48

    @dirk

    Naja, zum einen ist es ein Interview, d.h. die Interviewerin nimmt zweimalig Einfluss auf die Aussage. Ersten bei der Befragung und evtl. Nachhaken, zweitens beim schriftlichen Zusammenschnitt.

    Vollkommen verwirrend, auf der einen Seite spricht die Frau von einem Islam und auf der anderen von Islamismus.

    Das ist mMn im Artikel beantwortet.

    Die Etablierung der Scharia sei fester Bestandteil der islamistischen Agenda, sagt Manea, … Badawi, wegen „Beleidigung des Islam“ unter anderem zu 1000 Stockhieben veurteilt, stehe exemplarisch dafür, „dass viele Menschen in der arabischen und islamischen Welt für die Universalität der Menschenrechte kämpfen“.

    Daraus entnehme ich, dass sie diese Schariegerichte bereits als Islamismus sieht.

    Manea: 95 Prozent der behandelten Fälle betreffen Frauen. Durch die Anwendung von Schariagesetz sind sie Unmündige, die vor der Heirat durch den männlichen Vormund und nachher durch den Ehemann kontrolliert werden. Die Rechtsprechung, die auf das 7. bis 10. Jahrhundert zurückgeht, erlaubt Kinder- und Zwangsehen.

    Deutet ebenfalls auf Ihren Islamismusbegriff hin.

    STANDARD: Gibt es in anderen europäischen Ländern auch derartige Schariagerichte?
    Manea: Überall dort, wo sich islamischer Fundamentalismus manifestiert, muss auch von der informellen Existenz solcher Strukturen ausgegangen werden.
    Manea: Das Muster, das ich in Großbritannien beobachtet habe, zeigt sich zunehmend auch hier: Es fängt damit an, dass muslimische Schüler ihren Lehrerinnen nicht die Hand geben wollen. Dann weigern sie sich, am Musik- und Kunstunterricht teilzunehmen, fordern separate Gebetsräume, Eltern verlangen, dass sieben- und achtjährige Mädchen Kopftuch tragen. Und dann kommt der Ruf nach der Anwendung von Schariagesetz in familiären Angelegenheiten. Das ist ein typisches Anliegen von Islamisten und fester Bestandteil ihrer Agenda.

    Auch hier erkennbar.

    Die Floskel zu „Es braucht zudem Maßnahmen für einen europäischen Islam, der nicht durch den Nahen Osten beeinflusst ist.“ ist allerdings für mich auch Schwachsinn. Zum einen wird man den Muslimen keinen Islam aus einem Land (Landstrich) vermitteln können, von dem man zur Entstehungszeit (fast) nichts wußte und wo der „Nahe Osten“ sogar in den Moscheen angebetet wird. Zum anderen verhindert dies keine Hinterhofmoscheen, so wie das Christentum in den Unis und Schulen keine Hinterhofkirchen der evanglikalen Seite verhindern.

  6. #6 von dirk am 15. November 2016 - 15:12

    @#5 von Willie

    Islam, Islamismus, Islam neu Gründen mit „passenderen“ Werten.

    Warum sollte man einen Islam neu gründen mit anderen Werten wenn die Werte des alten Islam schon OK sind? Die Aussage einen neuen Islam mit anderen Werten gründen zu wollen kann doch nur so interpretiert werden das der gegenwärtige Islam eben keine akzeptablen Werte vertritt.

    Aber warum grenzt sie dann auch noch den Islam von einem Islamismus ab?

    Laut deiner Interpretation ist für die Autorin z.B. die Einführung von Schariagerichten Bestandteil des Islamismus.

    Dann ist Islamismus weit verbreitet!

    Handelsblatt Artikel „Mehrheit der Muslime für Scharia-Anwendung“
    Datum:
    30.04.2013 17:19 Uhr

    „Eine Mehrheit der Muslime in der Welt will laut einer Studie die Anwendung des islamischen Gesetzes der Scharia in ihrem Land. “

    Und die Emnid Umfrage zu turkischstämmigen Leuten in Deutschland?

    https://www.welt.de/politik/deutschland/article156269271/Islam-Gebote-stehen-ueber-dem-Gesetz-findet-fast-die-Haelfte.html

    „Der Aussage „Die Befolgung der Gebote meiner Religion ist für mich wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe“ stimmen sogar 47 Prozent der Befragten zu.“

  7. #7 von Willie am 16. November 2016 - 04:01

    @dirk,

    mhm, irgendwie habe ich das Gefühlt, dass wir er zwei verschiedene Artikel reden. Ich habe jetzt mal den oben angegebenen Artikel nach „neu“ oder „gründen“ durchsucht und keinen Treffer erzielt. Werte finde ich dort nur bei „Zum Wichtigsten gehört: für unsere Rechtsordnung, Werte und gesellschaftlichen Errungenschaften ohne Wenn und Aber einstehen und sie von allen einfordern.“ und dies ließt sich nicht als Werte eines neuesn Islam, da die Frage ja auf „Was müssen europäische Gesellschaften tun, um diese „zunehmende Islamisierung“, von der Sie sprechen, rechtzeitig zu stoppen? Wo ansetzen?“ abgestellt war.

    Was ich wohl aus dem Artikel herauslese ist a) es spricht eine Feministin, b) eine Bemängelung der Scharia, die ja nur auf dem Koran basiert, eine Rechstfindung darstellt und diese nicht direkt wiedergibt und c) die angewendete Unmündigkeitsicht bei Kindern aber auch bei Frauen, die auf das 7.-10 Jahrhundert zurückgeht, also lange nach dem Tod des vermeintlichen Mohammeds.

    Wie ich pers. diesem „Euro-Islam“ (Es braucht zudem Maßnahmen für einen europäischen Islam, der nicht durch den Nahen Osten beeinflusst ist) habe ich mMn mit „Floskel“ und „Schwachsinn“ dargelegt.

    Aber warum grenzt sie dann auch noch den Islam von einem Islamismus ab?

    pers. Vermutung: Weil es ihr um die Geschlechterfrage im Islam geht und der Islamismus, so wie sie ihn sieht, so etwas wie Scharia, Kafa, Verachtung von Menschenrechten etc. hervorgebracht hat? Diese Schlussfolgerung ziehe ich aus dem einleitenen Teil des Artikels: „Die Etablierung der Scharia sei fester Bestandteil der islamistischen Agenda, sagt Manea,“ aber auch im Interview selbst: „Manea: Das Muster, das ich in Großbritannien beobachtet habe, zeigt sich zunehmend auch hier: Es fängt damit an, dass muslimische Schüler ihren Lehrerinnen nicht die Hand geben wollen. Dann weigern sie sich, am Musik- und Kunstunterricht teilzunehmen, fordern separate Gebetsräume, Eltern verlangen, dass sieben- und achtjährige Mädchen Kopftuch tragen. Und dann kommt der Ruf nach der Anwendung von Schariagesetz in familiären Angelegenheiten. Das ist ein typisches Anliegen von Islamisten und fester Bestandteil ihrer Agenda.“

    Laut deiner Interpretation ist für die Autorin z.B. die Einführung von Schariagerichten Bestandteil des Islamismus.

    Jein, es ist Teil dessen, was Frau Manea als Islamismus sieht (s.o.) und das beginnt bereits mit der Erfindung der Scharia und nicht erst (Nein-Teil) bei der Installierung der Gerichte.

    Dann ist Islamismus weit verbreitet!

    Wo kommt das jetzt her, ich habe doch dazu nichts geschrieben und noch weniget bezweifelt? Wenn ich Frau Manea da richtig verstehe, also auch wieder nur pers. gesehen, dann in GB ja und in den anderen europäischen Ländern immer mehr (s.o.).

  8. #8 von dirk am 16. November 2016 - 12:25

    @ #7 von Willie

    Zitat Willi
    „mhm, irgendwie habe ich das Gefühlt, dass wir er zwei verschiedene Artikel reden. Ich habe jetzt mal den oben angegebenen Artikel nach „neu“ oder „gründen“ durchsucht und keinen Treffer erzielt. Werte finde ich dort nur bei „Zum Wichtigsten gehört: für unsere Rechtsordnung, Werte und gesellschaftlichen Errungenschaften ohne Wenn und Aber einstehen und sie von allen einfordern.“ und dies ließt sich nicht als Werte eines neuesn Islam, da die Frage ja auf „Was müssen europäische Gesellschaften tun, um diese „zunehmende Islamisierung“, von der Sie sprechen, rechtzeitig zu stoppen? Wo ansetzen?“ abgestellt war.“

    Zitat Artikel
    „STANDARD: Sie fordern daher eine „grundlegende Reform des Islam“. Wie müsste die aussehen? Manea: Ein humanistischer Islam anerkennt, dass alle Religionen Veränderungen unterworfen sind. Menschen haben sich die Religionen angeeignet und sie umgewandelt, und alle Religionen müssen oder mussten reformiert werden – manche mehr als andere. Damit verbunden ist die Möglichkeit, mich mit den „verbotenen Bereichen des Denkens“ zu beschäftigen. Über die menschliche und historische Natur religiöser Schriften zu sprechen ist beispielsweise ein solcher verbotener Denkbereich. Ein humanistischer Islam erhebt im Gegensatz zur Weltanschauung der Islamisten nicht den Anspruch, die einzig wahre Manifestation von irgendetwas zu sein. Er beruht auf den Grundsätzen von Wahlfreiheit und Rationalität. Und ein humanistischer Islam hat mit einem Kernthema zu tun, das, wenn es ernsthaft angegangen wird, meiner Ansicht nach die Zukunft der arabischen Welt ändern könnte: die Geschlechterfrage im Islam. “

    Hier geht sie doch explizit auf Werte ein. Ihre Anklage pauschal gegen alle Religionen ist zwar nicht haltbar da zB die meisten Christen eben nicht alles was in der Bibel steht als direktes Gottes Wort betrachten.
    Siehe auch
    http://www.bibelzitate.de/gbz.html
    Wer tritt den heute noch für solche Sachen ein?

    Beim Islam sieht es aber anders anders aus, der beruht ja daraus darauf dass, das was in dem Koran steht Gottes wortwörtliches für alle Zeiten unveränderliches Wort im arabischen ist. Und Mohamed als Vorbild betrachtet wird. Sie erwähnt als konkreten Wert die Geschlechterfrage und das Verhalten zu anderen Religionen also im Grunde auch zu Islam Abtrünnigen, Islam Kritikern, Atheisten.
    Und um das zu verbessern müsste Mohamed als Person seiner Zeit und der Koran eben nicht als festgemeißelte unveränderliche Wahrheit sondern den heutigen Umständen angepasst interpretierbar sein.

    Und das ist doch auch der eigentliche Punkt beim miteinander Leben, welche Werte sollten den gelten? Die Werte welche Koran und Sunna vorgeben oder die allgemeinen Menschenrechte.

    @ #7 von Willie
    „Aber warum grenzt sie dann auch noch den Islam von einem Islamismus ab?
    pers. Vermutung: Weil es ihr um die Geschlechterfrage im Islam geht und der Islamismus, so wie sie ihn sieht, so etwas wie Scharia, Kafa, Verachtung von Menschenrechten etc. hervorgebracht hat?“

    Hat der Islamismus etwas wie Scharia oder Verachtung bestimmter Menschenrechte hervorgebracht oder der Islam? (Ich weiß jetzt nicht was die mit Kafa meinst falls Kufr hatte ich mal einen Artikel von Hamed Abdel-Samad gelesen wie negativ dieser Begriff bei sehr vielen Muslimen besetzt ist).

    Letztendlich sollte doch ein Muslim, wenn er sich religiös verhalten möchte, sein Leben nach den Gottes Regeln ausrichten und dazu gehört auch die Scharia zu befürworten und man schaue sich doch an wer die Kairoer Erklärung der Menschenrechte alles unterschrieben hat.

    Zitat Willi
    „Dann ist Islamismus weit verbreitet!
    Wo kommt das jetzt her, ich habe doch dazu nichts geschrieben und noch weniget bezweifelt? Wenn ich Frau Manea da richtig verstehe, also auch wieder nur pers. gesehen, dann in GB ja und in den anderen europäischen Ländern immer mehr (s.o.).“

    Sicher hast du das nicht bezweifelt. Aber mein Problem mit dem ganzen Islam ist das ich da bei den gegenwärtigen theologischen Grundlagen in Hinsicht auf die Gleichberechtigung und den Umgang mit Kritikern und Abtrünnigen kaum positives finden kann. Mit anderen Worten kann den ein Mensch der sich möglichst wortgetreu an Sunna und Koran halten will etwas anderes als ein „Islamist“ sein?

    Und wie können die gegenwärtigen deutschen Spitzenpolitiker den Islam als etwas positives beurteilen wenn Leute welche eine wortgetreue Auslegen der heiligen Schrift des Islams befürworten als Salafisten betrachtet werden?

  9. #9 von Willie am 18. November 2016 - 01:33

    Zitat Artikel
    „STANDARD: Sie fordern daher eine „grundlegende Reform des Islam“. …

    Ok, für Dich bedeutet Religion reformieren = Religion neu gründen (Was ja noch nicht einmal der Luther geschafft hat).

    Hat der Islamismus etwas wie Scharia oder Verachtung bestimmter Menschenrechte hervorgebracht oder der Islam?

    Ja, und desshalb grenzt Sie dieses Hervorgebrachte von der Textreligion ab, eben so wie man dies bei den Christen auch mit den verschiedensten Ansätzen macht.

    Letztendlich sollte doch ein Muslim, wenn er sich religiös verhalten möchte, sein Leben nach den Gottes Regeln ausrichten und dazu gehört auch die Scharia zu befürworten und man schaue sich doch an wer die Kairoer Erklärung der Menschenrechte alles unterschrieben hat.

    Wies das denn? Die Scharia selbst ist doch auch nur Hervorgebrachtes aus dem Koran selbst und wurde mW so um das 7. Jahrhundert herausgebildet