Stehen Bibel und Koran über den menschlichen Gesetzen?

Für gläubige Christen, Juden und Muslime ist Gottes Wort oberstes Gebot. Von ihnen ein Wertebekenntnis zu verlangen, wäre totalitär.

[http://www.tagesspiegel.de/politik/christen-und-muslime-in-deutschland-stehen-bibel-und-koran-ueber-den-menschlichen-gesetzen/14650426.html

  1. #1 von user unknown am 7. Oktober 2016 - 00:46

    Nein. Totalitär ist es, in jeden Bereich des Lebens kontrollierend eingreifen zu wollen, von Familie über Beruf zu Freizeit und Kultur, womöglich in die Religion.

    Die Nazis, die die Regierung stellten, die dann die Gewerkschaften durch eigene Verbände ersetzten, die die Presse u. d. Rundfunk kontrollierten, die die HJ und den BDM für die Freizeit der Jugendlichen hatten, die im Militär das Sagen hatten, das nennt man totalitär, wenn es keinen Rückzug mehr gibt vor der Ideologie.
    Einen verbindlichen Rechtsrahmen zu haben ist nicht totalitär, sondern ein Rechtsstaat. Niemand darf sich im Diesseits auf ein höheres Recht berufen als der andere, und im Diesseits müssen sich die Standpunkte auf rationale Standpunkte und belegbare Behauptungen zurückführen lassen.

  2. #2 von Willie am 7. Oktober 2016 - 01:33

    Für gläubige Christen, Juden und Muslime ist Gottes Wort oberstes Gebot. Von ihnen ein Wertebekenntnis zu verlangen, wäre totalitär.

    Warum? Ich bin gespannt.

    Die von Menschen gemachten Gesetze müssten mit den gottgegebenen Menschenrechten übereinstimmen, heißt es da [USA].

    Ist das so? Ok, wir wissen alle, dass die USA religiös verblödet sind, aber dennoch sind die Menschenrecht nicht gottgegeben.

    Tatsächlich heißt es bereits in der Präambel der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, verabschiedet am 4. Juli 1776, …

    Und 240 Jahre danach stehen wir immer noch auf dem Wissensstand von 1776?

    Mit anderen Worten: Sollte eine Regierung gegen das vom Schöpfer geschaffene Rechts- und Wertesystem verstoßen, darf sie vom Volk gestürzt werden. Gottes Ordnung steht über den von Menschen erlassenen Gesetzeswerken.

    Nein, das heißt es nicht. 1. Eine Präambel hat keinen Gesetzes oder Weisungscharakter, sie ist a) eine kurze Zusammenfassung/Zielfassung und b) nur eine Willensbekundung der am Vertrag beteiligten Personen. 2. Zudem ist die Unabhägigkeitseklärung, d.h. die Abspaltung von der kolonialen Dominanz, nicht die Verfassung oder hat Verfassungsrang, wohl aber der Auslöser dazu. Durch die Unabhängigkeitserklärung wurde auch keine Regierung, Gegen- oder Konterregierung legitimiert, die Grundlage dazu bildete erst die Verfassung. Auch der Nationalfeiertag 4.Juli ändert nichts daran.

    WP: *Die Präambel der Verfassung besteht aus einem einzigen Satz, der das Dokument und seinen Zweck vorstellt. Die Präambel verleiht selbst keine Macht und verbietet auch keine Handlungen, sondern erklärt nur den Hintergrund und Sinn der Verfassung. Ein Gottesbezug findet sich bewusst nicht, da die Verfassung ein rein säkulares Dokument ist. Die Präambel, insbesondere die ersten drei Worte “We the people”, ist einer der am häufigsten zitierten Abschnitte der Verfassung:

    “We the People of the United States, in Order to form a more perfect Union, establish Justice, insure domestic Tranquility, provide for the common defence, promote the general Welfare, and secure the Blessings of Liberty to ourselves and our Posterity, do ordain and establish this Constitution for the United States of America.”
    „Wir, das Volk der Vereinigten Staaten, von der Absicht geleitet, unseren Bund zu vervollkommnen, die Gerechtigkeit zu verwirklichen, die Ruhe im Innern zu sichern, für die Landesverteidigung zu sorgen, das allgemeine Wohl zu fördern und das Glück der Freiheit uns selbst und unseren Nachkommen zu bewahren, setzen und begründen diese Verfassung für die Vereinigten Staaten von Amerika.“

    Auch Abraham Lincoln, der populärste US-Präsident aller Zeiten, berief sich auf Gott, als er die Sklaverei abschaffte. Kurz bevor er von einem fanatischen Sklaverei-Anhänger ermordet wurde, besuchte er die eroberte Südstaaten-Hauptstadt Richmond. Er wurde von Schwarzen erkannt, die ihm zujubelten, auf die Knie gingen und riefen: „Gott sei gepriesen! Der große Messias!“ Lincoln antwortete: „Stehen Sie auf! Knien müssen Sie nur vor Gott und ihm für die Freiheit danken.“

    Auch das ist keine Erklärung dafür, warum Von ihnen kein Wertebekenntnis verlangt werden kann. Es sei denn, Malte Lehming will uns damit erklären, dass Beide vor Gott Recht hatten – auch die Ermordung Lincolns war richtig.

    Der Zwiespalt zwischen Recht und höherer Gerechtigkeit ist alt. Das Thema findet sich schon in der griechischen Mythologie.

    Ja eben: In der Mythologie! Und darum sind weltliche Gesetze (Rechte und Pflichten) totalitär?

    Welche Gefahren drohen, wenn man das von Menschen gemachte Recht verabsolutiert, lässt sich täglich im Berliner Ortsteil Schöneberg erfassen. [Erinnerung an die Judenerlasse]

    Und daher braucht es einer mythologischen Gottesgestalt, der dann von Menschen erdachte Regeln in den Mund gelegt wurden?

    Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Pfarrer und profilierteste Vertreter der Bekennenden Kirche widersetzte sich der neuen Ordnung. Des Christen Gehorsamspflicht gegenüber dem Staat binde ihn nur so lange, „bis die Obrigkeit ihn direkt zum Verstoß gegen das göttliche Gebot zwingt“.

    Ja und? Steht jetzt daher Bonnhöfer über den weltlichen Gesetzen? Was ist mit den Alliierten, und Churchill, die die deutschen Städte – auch ohne Notwendigkeit – bombadiert haben und Tausende, Alte, Kinder und Frauen, in den Tod rissen? War das ger göttliche Wille, gotttliche Gehorsamspflicht?

    Und schon im „Augsburger Bekenntnis“ von 1530 steht:

    Und? Das hat den Luther aber nicht davon abgehalten sein Meisterwerk abzulegen:
    Von den Juden und ihren Lügen

    Für gläubige Christen und Muslime ist das Wort Gottes die oberste Richtschnur. Das heißt nicht, dass sie gegen Gesetze verstoßen dürfen.

    Och nö, die ganze Zeit wird uns erklärt, dass die göttlichen Regeln über allem stehen und nun doch nicht mehr? Ok, es wurden ja fleißig persönliche Werte(vorstellungen) und Gesetze durcheinandergewirbelt.

    Christen haben freilich das Glück, dass ihr Wertekanon sich mit dem des Grundgesetzes in etwa deckt.

    Wow, in etwa.

    Und Muslime? So lange sie sich an die Gesetze in Deutschland halten, dürfen sie sich durchaus in erster Linie an Gottes Wort und den Koran binden. „Die Gedanken sind frei“, lautet der Deutschen liebstes Lied.

    Was hat da jetzt auf einmal das nicht kontrollierbare Denken von Menschen mit gelebten und befolgten Gesestyen und Regeln zu tun?

    Was auf mental-ideologischer Ebene vertreten wird, kann in einem Spannungsverhältnis stehen zur gelebten Praxis. Diese „reservatio mentalis“ verbieten zu wollen, wäre totalitär.

    Wer und wo will man die „reservatio mentalis“, den geheimen Vorbehalt bei einer Willenserklärung, die mentale Ablehnung unserer Gesetzesregeln, verbieten lassen? Will man die Menschen auf die Bibel oder Koran schwören lassen und dann wie beim Meineid mit bis zu fünfzehn Jahren ins Gefängnis stecken? Wie soll dies dann bei den anderen Religiösen und den Ungläubigen gesehen – etwa nach irgeindein Gott will es so?

  3. #3 von deradmiral am 7. Oktober 2016 - 10:28

    1. 3. Mose 19,27

    Ihr sollt euer Haar am Haupt nicht rundherum abschneiden noch euren Bart stutzen.

  4. #4 von Noch ein Fragender am 7. Oktober 2016 - 10:47

    Der menschenrechtsbasierte Rechtsstaat bietet allen Religiösen und Nichtreligiösen Schutz zur Entfaltung.

    Soweit Religionen aufgrund ihrer „Heiligen“ Schriften meinen „darüber zu stehen“, ist das im Klartext die Forderung nach Lizenz, andere Menschen aufgrund religiöser Wahnideen (1) in ihren Menschenrechten einschränken zu dürfen.

    (1) Wahnideen: wären es vernünftige Forderungen, wären sie im Rahmen des Menschenrechtsdiskurses verhandelbar und bräuchten nicht „darüber zu stehen“.