Die Burka. Ein philosophischer Blick hinter den Schleier

Die Burkadebatte tobt, auch in der Schweiz. Für die einen geht es um eine Bagatelle, für die anderen um grundlegende Werte. Barbara Bleisch diskutiert mit zwei Gästen, ob wir wirklich in einem Kulturkampf stecken und wann eine Gesellschaft ihre Kultur mit welchen Mitteln verteidigen darf.

Gäste:

Reinhard Merkel

Christine Abbt

  1. #1 von K.Brückner am 5. September 2016 - 21:54

    Die Diskussion ist sehr schwer zu ertragen. Da gibt es welche, die mit der Burka nur einen Fetzen Stoff verbinden und andere, die in der Burka ein Instrument der Unterdrückung Diffamierung und Diskreditierung sehen. Mein folgender Vorschlag macht das Problem deutlicher. Wer das Tragen der Burka mit Religionsfreiheit begründet, der muss auch bereit sein, das extreme Gegenteil zu erlauben. Es gibt bei uns Menschen, die aus welchen Gründen auch,immer, auch aus religiösen Gründen, jede Art von Kleidung ablehnen und unbedingt komplett nackt gehen wollen. Ich bin mir sicher, dass alle religiösen Lobbyisten Sturm laufen und das ablehnen werden. Das Argument der Religionsfreiheit ist nur vorgeschoben. Wir haben gewisse kulturelle Standards entwickelt, die alle, die bei uns leben einhalten müssen. Burka ist ein wandelndes Gefängnis, das wir niemanden, auch nicht auf eigenen Wunsch erlauben sollten. Religionsfreiheit gilt nicht bedingungslos und uneingeschränkt. Unsere kulturellen Standards und Werte müssen mit fast allen Mitteln verteidigt werden. Ein zentraler Wert ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Eine Burkazwang aus religiösen Gründen für Männer ist undenkbar. Auf diese Idee kämen nicht einmal die religiösen Ultras. Warum wohl?

    K.Brückner

  2. #2 von user unknown am 6. September 2016 - 02:14

    Ich fand die Diskussion sehr differenziert und niveauvoll. Herr Merkel ist mir schon in der Beschneidungsdebatte aufgefallen, weil er sich vielschichtigen Fragen gewidmet hat, ohne es an Klarheit vermissen zu lassen. Ich kann ihm auch hier weitgehend zustimmen.

  3. #3 von Hal am 6. September 2016 - 12:38

    Der Problembär Religion steht im Raum, aber manche wollen das einfach nicht wahrhaben. Vielleicht ist Problembär eine Untertreibung, es sind monströse Vorstellungen aus fernen Gebieten und düsteren Zeiten, primitive Schreckgeschichten aus der Kindheit der Menschheit.

    Sehr merkwürdig dass die Vorteile einer strikt säkularen Gesellschaft nicht ausdrücklich erwähnt wurden, sie ist der einzige Garant für religiöse Freiheit und Gleichberechtigung. Solange Christen Privilegien und rechtliche Ausnahmen zugestanden werden, ist es nur fair dass andere Abergläubische sich auch darum bemühen. Wenn aber christliche Politiker anderen Privilegien zuschanzen wollen, so hat es einen sehr faden Beigeschmack von religiotischer Vetternwirtschaft, zu lasten der Konfessionsfreien.

  4. #4 von itna am 6. September 2016 - 13:41

    Ich bin momentan in London, diese verschleierten Frauen (sind da wirklich auch immer welcher drunter? ) machen einem richtig Angst- meine Tochter fürchtet sich regelrecht davor.

    Voraus gehen dann die männlichen Verwanden in Shorts und Shirt.
    Makaber.

  5. #5 von Yeti am 6. September 2016 - 16:04

    @itna:
    Ich selbst bin noch keiner Frau mit Gesichtsschleier oder Burka persönlich begegnet.

    Die beste aller Mütter, die ich je hatte, allerdings schon. Was tut man, wenn man etwas so ungewohntes wie eine Burka sieht? Richtig, man guckt (starrt) hin. Die Burka fragte meine Mutter „was guckst Du?“ (nein, sie fragte tatsächlich in korrektem Deutsch „stimmt etwas nicht?“), daraufhin meine Mum: „Ich fühle mich unwohl, wenn ich das Gesicht eines Menschen nicht sehen kann!“.

    Und was tut die Burka?
    Lüftet den „Schleier“ und zeigt meiner Mum (die eindeutig als Frau zu erkennen ist) ihr Gesicht. Lächelnd. Ganz ohne Aggression.

    Und packt es (das Gesicht) wieder weg.

    Ich bin bei dem Thema echt hin und her gerissen.

    Wollen wir wirklich (religiösen, muslimischen) Frauen vorschreiben, was sie auf der Straße (oder am Strand) anzuziehen haben, weil wir nicht gut finden, was deren Religion (Patriarchat, Unterdrückerkultur, Misogynismus, you name it) ihnen vorschreibt, was sie anzuziehen haben?

    Wenn mir Leute auf der Straße begegnen, die mich nicht die Bohne interessieren, interessiert es mich auch nicht, ob ich ihr Gesicht sehen kann. Will ich aber in Interaktion mit ihnen treten (Behörden, Schulen, oder sei es einfach um nach dem Weg zu fragen), brauche ich das Gesicht, sonst findet keine Kommunikation statt. Ich kann auch nicht gut telefonieren.

    Das „Argument“ „geh doch mal mit einem Bikini an einen Strand in Saudi-Arabien“ kann ich allerdings auch nicht gelten lassen.
    Man darf sogar in Saudi-Arabien (haben die eigentlich einen Strand … ?) nackt auf die Straße gehen.

    Vorausgesetzt, man hat – als Frau – eine Burka drüber.

  6. #6 von K.Brückner am 6. September 2016 - 16:36

    @yeti

    Sie sind doch sicher damit einverstanden, dass sich bei uns niemand ganz nackt in der Öffentlichkeit bewegen darf? Das gehört zu unseren kulturellen Standards über die man sicher auch streiten kann. Mit einer solchen Vorschrift der Gesellschaft haben sie wahrscheinlich keine Probleme.Ich auch nicht ! Wenn sich aber eine Frau vielleicht freiwillig, in der Regel aber gezwungen in ein wandelndes Gefängnis begibt, dann fühlen sie sich nur hin und her gerissen. Warum eigentlich. Sie sollten versuchsweise einmal einen Tag eine Burka tragen, um ermessen zu können, was den Frauen und zwar nur den Frauen mit diesem Irrsinn abverlangt wird . Auch Religionsfreiheit gilt nicht bedingungslos und uneingeschränkt. Zum Glück! Ich kann uns nur empfehlen, unsere Werte notfalls mit fast allen Mitteln zu verteidigen. Ich möchte auf jeden Fall nicht, dass meine Tochter oder meine Enkelinnen irgendwann gezwungen werden können, sich diesem irrsinnigen religiösen Symbol zu unterwerfen. Ich möchte, dass sie ihr Leben selbstbestimmt, gleichberechtigt und in Freiheit leben können. Es gilt mit aller Konsequenz, wehret den Anfängen!

    K.Brückner

  7. #7 von Yeti am 6. September 2016 - 17:21

    @K.Brückner: Ihr Kommentar bedarf eigentlich einer längeren Antwort, aber ich muss gestehen, ich habe einen am Ohr gerade keine Zeit und werde das auf morgen verschieben.

    Vorab nur das: Ich würde Burkas auch gerne „verbieten“ (bzw. eher ächten), aber ich sehe da keine wirkliche rechtliche Handhabe.

    Ich möchte, dass sie [Ihre Tochter und Enkelinnen, meine Anmerkung] ihr Leben selbstbestimmt, gleichberechtigt und in Freiheit leben können. Es gilt mit aller Konsequenz, wehret den Anfängen!

    „Selbstbestimmt“ ist hier das Stichwort in Kombination mit „mit aller Konsequenz“. Werden Sie ihnen verbieten, einen Gesichtsschleier anzulegen, wenn sie das – überzeugend selbstbestimmt – wollen?

  8. #8 von user unknown am 6. September 2016 - 18:16

    @Yeti:
    Das ist aber eben eine praxisferne Frage, sich ganz selbstbestimmt und frei zu verhüllen. Theoretisch vorstellbar, aber wieso machen das dann keine säkularen Frauen?

    Und wieso sieht man keine bunten Varianten von Nikab oder Burka, sondern immer nur dieses eine Blau oder Schwarz?

    Ein wichtiger Punkt ist, dass die Kleidung nicht einfach eine unschuldige Modeentscheidung ist, wie rote Bluse oder grüne Bluse, sondern ein Bekenntnis zu einer Gesellschaftsnorm, der Scharia, und eine bewusste, gewollte Abgrenzung gegenüber dem Rest der Gesellschaft. Die Burka sagt „Den Ungläubigen die Rübe runter, die Homosexuellen verbrennen, die Meinungsfreiheit in den Ofen, Individualismus ist des Teufels, Demokratie ist Degeneration“. Wir lassen auch niemanden mit Hakenkreuzfahne oder SS-Runen durch die Stadt laufen.

    Auch hier kann man demjenigen nicht in den Kopf schauen, was er wirklich ausdrücken will. Es drängt sich aber in Deutschland ein Kontext auf, der nahelegt, diese Symbole als antisemitische, menschenfeindliche, faschistische Symbolik und Propaganda zu interpretieren.

    Für einen deutschen Touristen, der in Indien Swastikas zerstört, hätten wir kein Verständnis, weil das Symbol dort eine andere Bedeutung hat. Einem Inder, der seinen Laden in Deutschland damit schmückt oder bewirbt, würden wir was erzählen, und zwar obwohl wir ihm leicht abkaufen, dass er damit nicht Sympathie für die NSDAP ausdrücken will.

  9. #9 von itna am 6. September 2016 - 21:31

    @yeti

    Heute habe ich es gewagt, ich sage wirklich gewagt-sonst habe ich keinerlei Probleme, Frauen anzusprechen, zehn komplett Verhüllte ( 2 in Zweiergruppen und 6 Einzelne) anzusprechen. Das Ergebnis: zehn mal die Antwort, Sie dürfen nicht mit mir sprechen und ich soll bitte weitergehen, sehr freundlich, sehr ängstlich aber auch sehr bestimmt. Morgen werde ich mein Experiment wiederholen. Die Auswahl ist ja wirklich sehr groß. Ich bin ja auch öfter in Frankfurt, auch das sieht man tagsüber vielleicht so 10-15 hier geht es aber weit in die hunderte, vor allem in der Innenstadt.

    Lassen wir mal alles außer Acht, ob gezwungen, ob freiwillig, ob religiöses Symbol, ob Gefängnis oder was auch immer – ich werde mich da nie daran gewöhnen, es ist einfach sehr unangenehm.

  10. #10 von user unknown am 7. September 2016 - 02:27

    Hier ist ein, wie ich finde, interessanter Artikel über Laizismusstreit der Partei Die Linke.