Stundenschläge im Pluralismus

Mit der Stunde des Ethikunterrichts hat noch längst nicht das Stündlein des Religionsunterrichts geschlagen.

Dass die Religion sich auf den Foren gestandener Vernunft kein Bleiberecht erstreiten könne – diese mit Motivsplittern von Spätaufklärung, Marxismus und Ideologiekritik übersättigte These wird seit gefühlten Ewigkeiten regelmäßig neu aufgelegt, sanft modifiziert und mit subtiler Polemik vorgetragen. Teile des Feuilletons und der gesellschaftlichen Empörungskultur blühen geradezu auf, wenn es wieder angezeigt ist, sich mit der Religion anzulegen; wer sie abzuschaffen oder in alltäglichen Diskursen pauschal zu behandeln sucht, hat auf bestimmten Milieuplateaus ganz leichtes Spiel. Erst recht, wenn die Zeitläufte selbst dazu verleiten können, nach schnellen Erklärungen und einfachen Lösungen Ausschau zu halten.

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[http://www.fr-online.de/kultur/religion- -stundenschlaege-im-pluralismus,1472786,34662206.html

  1. #1 von Hal am 24. August 2016 - 21:06

    Solches geschieht momentan. Etwa dort, wo sich die demokratisch-freiheitlich formatierte Kulturpraxis von aufziehenden Fanatismen derart bedroht fühlt, dass sie als Gegenmaßnahme allerlei Populismen zulässt: Zunehmend häufig darf man selbst in ambitionierten öffentlichen Debatten religiöse Glaubensbekundungen mit aggressiven Gewaltappellen gleichsetzen und ohne weiterführende intellektuelle Zensur friedfertig religionspraktizierende Menschen als potentielle Attentäter einstufen.[1] Und ist es nicht perfide, wenn sich derselbe Fanatismus, der als Dauerqualität des Religiösen begriffen werden sollte, letzten Endes ausgerechnet in antireligiösen Kraftakten gesellschaftlich entlädt?

    Wäre es nicht viel einfacher zu schreiben: Nicht alle Religionisten sind wahnsinnige Mörder?

    Meint er mit den Populismen, AfD und Pegida? Die Fanatismen; sind das die Dschihadis?

    [1] Wenn die gewalttätigen Gläubigen sich auf Texte berufen können die ihre Taten gottgewollt erscheinen lassen. Also Texte die auch den weniger Bibeltreuen/Korantreuen heilig sind, warum dann sollten letztere nicht mit ihren Fanatikern assoziiert werden? Es ist nicht einfach damit getan den eigenen Extremisten die Religionszugehörigkeit anzuerkennen!

    Der Herr Theologe Brinkmann könnte ja seine Kollegen dazu auffordern die heiligen Schriften zu revidieren und sämtlichen menschen- und freiheitsfeindlichen Unfug zu streichen. Zur Abwechslung mal den eigenen Saustall ausmisten.

  2. #2 von HInterfragerin am 24. August 2016 - 21:18

    Schön geschwollen formuliert, soll sich wohl intellektuell anhören. Blöd, dass Stil Argumente nicht ersetzen kann. Der Autor bleibt die Antwort darauf schuldig, wie sich denn die Religion in „Foren gestandener Vernunft ein Bleiberecht“ erstreiten könne … Eine These einfach unter Ideologieverdacht zu stellen und zugleich als niveaulos abzutun, widerlegt diese nicht.

    Im zweiten Absatz werden dann munter Strohmänner fabriziert: Ich habe selbst in der gegenwärtigen aufgeladenen Debatte außer von wenigen Gruppen, die man als Außenseiter im Diskurs einstufen muss, keinerlei Gleichsetzungen von Religiosität mit Gewalttätigkeit feststellen können, eher ist das Gegenteil der Fall, manche Kommentatoren überschlagen sich in ihrer Exkulpationsrhetorik. Die Masse der Medien behandelt das Thema aber durchaus ausgewogen und differenziert.

    „Und ist es nicht perfide, wenn sich derselbe Fanatismus, der als Dauerqualität des Religiösen begriffen werden sollte, letzten Endes ausgerechnet in antireligiösen Kraftakten gesellschaftlich entlädt?“

    Da ist er wieder, der Gemeinplatz von den militanten Antireligiösen. „Derselbe“ Fanatismus? Religionskritik in deutschen Medien lässt sich also gleichsetzen mit islamistischen Massenmorden? Ja, sicher bricht sich in manchem aktuell vor allem antimuslimischen Affekt – den ich nicht kleinreden will, jeder Übergriff, jede Attacke ist eine zu viel – eine militante Haltung Bahn. Diese dürfte aber zum einer eher antimuslimisch als generell antireligiös sein, ich wage zudem die Behauptung, dass kein gewaltsamenr Übergriff auf Moscheen oder Muslime aus ideologiekritischen Gründen geschieht. Die meisten derartigen Übergriffe sind xenophober Natur.

    Dann endlich kommt der Herr Theologe zum eigentlichen Thema: Er lehnt ein einheitliches Ethik-Schulfach für alle ab und argumentiert pro Religionsunterricht. Argumentiert? Naja, wie man es nimmt. Weder widerlegt er die These einer „fortgesetzten Separierung in religiös-kulturelle Schubladen“ durch den Reliunterricht. Dieser mag zwar modernerweise heute liberal daher kommen, dennoch trennt er die Schüler nach Konfession und Glaubenszugehörigkeit. Wobei ich die Formulierung „Paradigmenwechsel von Konfessionalität zu Positionalität“ faszinierend finde.

    Noch widerlegt er, dass „die „Grundwerte von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten nicht durch, sondern gegen die Religionen erkämpft worden sind““. Er tut lediglich so, als würde diese These den Religionen jeden Beitrag zur historischen Moralentwicklung absprechen.

    „Damit die Lobeshymnen auf die runderneuerte Diskurskultur des Ethikunterrichts nicht untergehen in den bekannten Schwanengesängen über betroffenheitsrhetorische Laberveranstaltungen. Und damit nicht die aus dem RU vertriebenen Fundamentalismen fröhlich Urständ feiern in den Plauderszenarien der neuen Fächer.“

    Übersetzt: Ethiklehrer sind unqualifiziert und labern eh nur. Und Ethikunterricht befördert anscheinend Fundamentalismus…

    „Denn letztendlich wurde deren transzendentaler und toleranzpädagogischer Sinn und Zweck zwar kräftig ausgelobt, aber niemals so recht in kritischer Weise vermessen. Da blickt der Religionsunterricht wenigstens auf lange Geschichten von Fremd- und Binnenkritik, von Selbstreflexion und Dialogbereitschaft zurück“

    Gibt es wirklich keine Untersuchungen zum Thema integrativer Weltanschauungsunterricht? Egal: Die behaupteten Wirkungen des religiösen Werteunterrichts sind auch nicht wirklich empirisch untermauert. Selbstverständlich ist Ethik nur bei entsprechend ausgelegten Bildungsplänen und entsprechend agierenden Lehrern toleranzfördernd, selbstverständlich kann auch guter Reliunterricht dieselben Ziele erreichen. Dennoch trennt er die SchülerInnen auf.

    Kurz: Der Herr bringt außer direkten und indirekten Abqualifizierungen der Gegenseite und ihrer Argumente (keinen Widerlegungen) keine Argumente für den Reliunterricht..