Islam unter Faschismusverdacht – Hamed Abdel-Samad bei Sternstunde Religion

Für den Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad trägt der Islam faschistische Züge. Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide bestreitet dies vehement. Ein Streitgespräch, moderiert von Norbert Bischofberger.

Der Islam schliesse Andersdenkende aus, setzte seinen Wahrheitsanspruch mit Gewalt durch und strebe die Weltherrschaft an. Darin sieht Hamed Abdel-Samad, der in Deutschland lebt, Parallelen zum Faschismus. In Ägypten hat ihm diese auch öffentlich geäusserte Meinung einen Mordaufruf eingebracht.

Abdel-Samad steht zeitweise unter Polizeischutz. In «Sternstunde Religion» vertritt er seine Thesen im Streitgespräch mit Mouhanad Khorchide, Islamwissenschaftler und Leiter des Zentrums für islamische Theologie an der Universität Münster.

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  1. #1 von Uwe Lehnert am 23. Oktober 2014 - 12:23

    Wer den Islam, wie er sich uns täglich präsentiert, besser verstehen will, der schaue sich unbedingt das hier erwähnte Streitgespräch zwischen dem Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad und dem Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide an. Es ist ein informativer und fairer Schlagabtausch unter Intellektuellen, wie er selten zu beobachten ist.

    Abdel-Samad erklärt in nachvollziehbarer Weise, warum er den Islam für eine faschistische Ideologie hält. Er bezieht sich dabei keinesfalls nur auf den »Islamischen Staat«, sondern begründet seine Auffassung mit Kernaussagen des Koran. Khorchide hält dagegen mit seiner Interpretation des Islam als einer Religion der Barmherzigkeit. Seine Auslegung des Islam gehen m.E. aber völlig vorbei an der Problematik, die diese Religion in der heutigen Welt darstellt. Seine Form von spirituellem und moralischem Denken repräsentiert nicht den aktuellen politischen Islam in Deutschland und weltweit. Der sympathische Khorchide wäre wohl eines der ersten Opfer der Vertreter des sog. Islamischen Staates, würde er sich dorthin wagen.

    Nach den umständlichen Begründungen des Herrn Khorchide, dass der Koran im Kern angeblich friedlich sei, frage ich mich, weshalb es überhaupt eines Buches aus dem 7. Jahrhundert bedarf, um uns Moral zu predigen. Die Antwort dürfte wohl in der Natur der meisten Menschen liegen: Es ist ihr Bedürfnis nach Spiritualität in Form des Glaubens an eine eingebildete höchste Macht, und es ist das Korsett der täglichen Rituale, das Sicherheit gibt und dem Leben Orientierung und Struktur.

    Zum Schluss hält Abdel-Samad ein eindrucksvolles Plädoyer für die Freiheit des Denkens.

    Nach diesem aufklärenden Gespräch hat sich meine resignative Einsicht weiter gefestigt: Eine humanistische Weltanschauung dürfte wohl für die meisten Menschen – jedenfalls auf lange Zeit noch – eine intellektuelle und emotionale Überforderung darstellen.

  2. #2 von Elke Metke-Dippel am 23. Oktober 2014 - 14:55

    Es ist immerhin gut zu beobachten, dass offen gesinnte Islamwissenschaftler da ankommen, wo die Protestanten oder offen gesinnte Katholiken ebenso gelandet sind:

    Das „Wort Gottes“ ist nicht wirklich wörtlich zu nehmen und Sache der persönlichen „Lesart“. Gott ist eben einfach nur „Liebe“. Er wolle nichts von den Menschen … die göttlichen Gesetze und Befehle in den heiligen Büchern sind eben nur „Erfahrungen“ der jeweiligen Kulturen oder Schreiber.

    Damit rückt „Gott“ in so weite Ferne, dass er sich in die jeweiligen kulturellen Auslegungen offensichtlich gar nicht einmischt. Und damit er für die jeweilige „Moral“ und vor allem die Menschlichkeit völlig unbrauchbar.

    Diese Offenheit gibt den Blick frei auf das Wesentliche: Keine Kultur braucht einen Gott, um liebevoll und barmherzig zu sein. Im Gegenteil.

  3. #3 von kappa am 23. Oktober 2014 - 15:15

    Der Moderator ist erkennbar parteiisch. Anstatt bei dem schleimig „barmherzigen“ Theologen mal etwas kritischer nachzufragen ist es wieder mal Abdel-Samad der deutlich angegangen wird.

    Wird die Fatwa schon verdient haben der gute…

  4. #4 von user unknown am 23. Oktober 2014 - 16:15

    Auch mir hat die Sendung sehr zugesagt.

    Was die Parteilichkeit des Moderators betrifft bin ich mir nicht so sicher. Durch seine Kritik/Nachfragen bringt er Hr. Abdel-Samad wieder ans Wort. Und insofern er legitime Fragen stellt hält es Abdel-Samad auch aus, auf den Zahn gefühlt zu bekommen. Ob er Antworten hat will ich durchaus sehen und hören.

  5. #5 von Rainer Ostendorf am 23. Oktober 2014 - 17:21

    „Die Kirchen ködern Leute mit Märchen und machen sie verrückt.“ Lemmy Kilmister, Motörhead

    Schöne Grüsse aus der http://www.freidenker-galerie.de

    Rainer Ostendorf

  6. #6 von Bernd Kammermeier am 23. Oktober 2014 - 20:04

    Tja, da saßen die beiden, die zwar unterschiedliche Positionen vertreten, doch wäre die Welt voller solcher Menschen, gäbe es kein Problem mit dem Islam oder dem IS. Doch die Welt sieht anders aus.

    Prof. Khorchide selbst wendet eine aus meiner Sicht untaugliche Interpretation des Korans an, in dem er ihn interpretiert. Er spricht vom Kontext der damaligen Zeit, von der Welt des 7. Jh.s. Richtig, da hat er objektiv Recht, aber wenn der Koran nur zu den Menschen im damaligen Kontext spricht, dann ist er erstens für heute ungültig und zweitens kann es sich unmöglich um einen gotteswörtlichen Koran handeln.

    Aber das behaupten die Muslime: Der Koran ist eigentlich im Himmel und der Erzengel Gabriel hat ihn Mohammed nur verlesen. Das heißt, wenn dies stimmt, dann wurden die Texte Milliarden Jahre vorher in das Goldene Buch des Himmels geschrieben, eingebrannt, gültig für alle Ewigkeit. Welcher Imam in islamischen Ländern würde das bestreiten? Damit entfällt jede kontextuelle Relativierungsmöglichkeit und z.B. das Schlagen von Frauen ist erlaubt, auch wenn wir das heute anders sehen.

    Vor allem ist ja die gelebte Wirklichkeit auch der friedlichen Muslime so. Sie schweigen nicht nur zu den Gräuel des IS, wie Hamed richtig ausführt, sondern sie sind durch und durch patriarchalisch und sogar – wie Prof. Khorchide selbst sagte – archaisch. Und ob es wirklich so gesund ist, die Existenz Gottes in z.B. Saudi-Arabien zu bezweifeln, wage ich zu bezweifeln.

    Auch den barmherzigen Gott, den Prof. Khorchide im Koran zu entdecken glaubt, gibt es bereits in der Bibel. Es ist der aaronitische Gott, der einen Gegensatz zum gerechten Gott Moses bildet. Beides sind völlig unterschiedliche theologische Positionen, die auch massive Auswirkungen auf den Religionsalltag haben. Der ältere, der gerechte Gott Moses verlangt keinerlei Gottesdienste, Opfergaben u.ä., sondern er entscheidet am Ende des Lebens, ob ein Menschen gottgefällig gelebt hat oder nicht. Der Gott Aarons ist ein modernerer Gott – im Sinne der Priesterschaft. Er verlangt Opfer, Priesterwesen und Gottesdienste, weil er barmherzig gestimmt werden kann (Natürlich nur von den Profis).

    Wäre die Barmherzigkeit Gottes – wie es Prof. Khorchide meiner Meinung nach missinterpretiert – absolut, dann könnte man sich jede Moschee sparen, weil Gott ja sowieso verzeiht. Nein, dieser barmherzige Gott erzeugt theologisch äußerst geschickt einen ständigen Geldstrom in Richtung der Priester oder Imame, legitimiert sie und erteilt ihnen Vollmachten. Ein gerechter Gott bräuchte überhaupt keinen klerikalen Apparat. Das sieht man sehr deutlich daran, dass der „Frieden“ des Islam sofort bei „Ungläubigen“ einkehrt, sobald sie ihre Kopfsteuer entrichten. Wieder ist Gott erst dann barmherzigen (oder lässt seine Anhänger barmherzig agieren), wenn sie ihren Tribut geleistet haben.

    Und bezüglich des „Diktators Gott“ hat Prof. Khorchide leider auch Unrecht: Das Beispiel mit Abraham zeigt überdeutlich, dass hier ein Mann bereit war, nach dem Befehl des Führers im Himmel seinen eigenen Sohn zu ermorden und erst nach dem zweiten Befehl, ihn am Leben zu lassen (Gott stellt Abraham ja nicht vor die freie Wahl), lässt Abraham von seinem herzlosen Tun ab. Dies mag historisierend betrachtet die Abwendung vom Menschenopfer symbolisieren, doch wiederum nur auf Befehl Gottes. Hätte ein Nazi-Scherge einem Soldaten zugerufen: „Ich befehle dir: Lass diesen Juden am Leben!“, wäre dann plötzlich die Nazi-Ideologie gereinigt vom Bösen? Sicher nicht.

    Prof. Khorchides Meinung in allen Ehren, aber er ist zu blauäugig, was seine Glaubensbrüder betrifft. Und selbst wenn 99% seine persönliche Koraninterpretation gutheißen und leben würden, reicht 1% fanatisierter Muslime, um die Welt brennen zu lassen. Ich sehe diese Gefahr für Christentum und Judentum durchaus nicht für völlig gebannt an. Deshalb würde ich mich in einer Welt wohler fühlen, in der Religionen endlich in den Regalen der historischen Institute verschwinden würden. Denn alles, was Prof. Khorchide an Positivem bzgl. des Islams aufzählte, kann man auch ohne jede Religion leben – und sogar, um Hamed zu zitieren: „Wesentlich freier!“

  7. #7 von pufaxx am 24. Oktober 2014 - 00:57

    Ab Minute 42 – Sehr geil ausgedrückt, sehr geil auf den Punkt gebracht. Guter Mann.

  8. #8 von klauswerner am 24. Oktober 2014 - 01:02

    Diese Diskussion ist absolut klasse. Erinnert mich an viele eigene Diskussionen mit Christen. 1:1.
    Erfrischend, klug, intelligent. Historisch-kritische Textforschung am Koran, wie wir sie wohl alle hier im Forum am Christentum kennen.
    Ich fand es auch klasse moderiert.

    Eine frisch gewachsene Pflanze, der ich nur Gutes gedeihen wünschen kann.
    Daumen hoch, erste Sahne, und viel besser als so manche Talkshow zu dem Thema bei uns.

    Ich glaube wir unterschätzen, was gerade durch den IS initiiert, gerade passiert.
    Viele Muslime positionieren sich neu. Die Mehrheit der Muslime ist wohl im 18. Jahrhundert der Aufklärung angekommen, beziehungsweise hat an die Tür geklopft.

    Daraus kann sich echt was entwickeln.

  9. #9 von Uwe Lehnert am 24. Oktober 2014 - 12:25

    Dank an Bernd Kammermeier. Er hat die Dinge wieder zurecht gerückt. Leider hat die Mehrheit der Menschen, insbesondere natürlich der religiös eingestellten, überhaupt kein Interesse an den Fakten, an dem, was die tatsächliche Grundlage ihres Irrglaubens ist.

  10. #10 von AMB am 24. Oktober 2014 - 13:28

    @pufaxx

    dito!!