Schwulenparagraf 175: Zeitzeuge Klaus Born musste ins Gefängnis

Dies ist der Auftakt einer dreiteiligen Serie zum Unrechtsparagrafen  175. Er bestimmte 123 Jahre lang das Leben Homosexueller in Deutschland, erst vor 20 Jahren wurde er abgeschafft. einestages erzählt die Dramen, die sich hinter der Rechtsnorm verbergen.

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Anmerkung Skydaddy: Der § 175 ist ein gutes Beispiel dafür, zu welchem Unrecht die heute immer noch beschworene christliche Prägung Deutschlands geführt hat und wie gesellschaftlicher Fortschritt gerade durch eine Entchristlichung des Rechts zustande kam.

1957 hatte das Bundesverfassungsgericht Klagen gegen den $ 175 noch abgewiesen; im Urteilstext wird die judäo-christliche Prägung des Paragrafen deutlich:

Nach dem Vorgang der strengen Verurteilung gleichgeschlechtlicher Handlungen im alten Testament (3. Mose 18, 22 und 20, 13) und unter dem Einfluß christlicher Gedanken bedrohte Art. 116 der Constitutio Criminalis Carolina (1532) die widernatürliche Unzucht bei beiden Geschlechtern und die Unzucht mit Tieren mit dem Feuertode. Die gemeinrechtliche Praxis versuchte die Folgen dieser überaus harten Strafdrohung dadurch abzumildern, daß sie unter diese Bestimmung nur die sogenannte „eigentliche Sodomie“ (sodomia propria) brachte, worunter sie eine Vereinigung der Geschlechtsorgane verstand; ihr stellte sie andere widernatürliche Handlungen als „uneigentliche Sodomie“ (sodomia impropria) gegenüber, die sie nur mit sogenannten außerordentlichen, geringeren Strafen belegte. Erst die Kodifikationen des ausgehenden 18. Jahrhunderts gelangten unter dem Einfluß der Aufklärung zu einer milderen Beurteilung.

Gleichgeschlechtliche Betätigung verstößt eindeutig gegen das Sittengesetz. Auch auf dem Gebiet des geschlechtlichen Lebens fordert die Gesellschaft von ihren Mitgliedern die Einhaltung bestimmter Regeln; Verstöße hiergegen werden als unsittlich empfunden und mißbilligt. Allerdings bestehen Schwierigkeiten, die Geltung eines Sittengesetzes festzustellen. Das persönliche sittliche Gefühl des Richters kann hierfür nicht maßgebend sein; ebensowenig kann die Auffassung einzelner Volksteile ausreichen. Von größerem Gewicht ist, daß die öffentliche Religionsgesellschaften, insbesondere die beiden großen christlichen Konfessionen, aus deren Lehren große Teile des Volkes die Maßstäbe für ihr sittliches Verhalten entnehmen, die gleichgeschlechtliche Unzucht als unsittlich verurteilen.

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  1. #1 von Elvenpath am 4. Juni 2014 - 10:30

    Die Begründungen der Richter damals erinnern mich an die Argumente der Beschneidungs-Befürworter.

  2. #2 von Noch ein Fragender am 4. Juni 2014 - 18:42

    Diese Entscheidung aus 1957 ist eine der schwärzesten Stunden des Bundesverfassungsgerichts, das sich ansonsten für die Entwicklung des Grundrechtsschutzes verdient gemacht hat.

    Aber wer seine sittlichen Maßstäbe aus Bibel und Kirchentradition bezieht – das zeigt dieses Urteil mit aller wünschenswerten Klarheit – kann einfach nicht die Menschenrechte angemessen auslegen und weiterentwickeln.

    Wer wissen will, was fundamentalistischer kirchlicher Einfluss bedeutet, studiere die 50-er Jahre der alten BRD. Er wird sensibler gegen die heute wieder stärker werdenden rollback-Aktionen der Fundis in der katholischen und der Evangelikalen in der evangelischen Kirche und einer naiven Verklärung der 50-er Jahre nicht aufsitzen. Was diese Gruppen anstreben ist nichts Neues – diesen Muff hatten wir schon in den ersten Nachkriegsjahren.