Vordenker des modernen Atheismus

Friedrich Nietzsches Werk war wirkmächtig, aber oft missverstanden – Wiener Religions-Wissenschafter arbeitet für historisch-kritische Gesamtausgabe Originaldokumente auf

Nicht nur fundamentalistisch-religiöse Bewegungen gedeihen zurzeit prächtig auf dem spirituellen Humus, es entstehen auch immer mehr „Non Prophet Organizations“. Denn auf dem Weltanschauungsbasar macht sich auch wieder ein „bekennender“ Atheismus bemerkbar. Zahlreiche religionskritische Bücher – von Richard Dawkins‘ Gotteswahn bis zu Christopher Hitchens‘ Der Herr ist kein Hirte – wurden in den vergangenen Jahren zu globalen Bestsellern. Der zum Teil recht kämpferische Ton der „Neuen Atheisten“ sei wahrscheinlich „eine Reaktion auf die wachsende Präsenz von religiös begründeten Positionen im öffentlichen Diskurs“, vermutet Religionswissenschafter Hans-Gerald Hödl von der Uni Wien.

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http://derstandard.at/1339639047580/Friedrich-Nietzsche-Vordenker-des-modernen-Atheismus

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  1. #1 von Martin Schmidt am 26. Juni 2012 - 18:34

    „wachsende Präsenz von religiös begründeten Positionen im öffentlichen Diskurs“
    Das ich nicht lache.

    Die wollen und können es einfach nicht zugeben:
    der „neue“ Atheismus entsteht durch die, trotz besserem Wissen, Lügen über die angebliche Gemeinnützigkeit der Kirchen, die Behandlung von Kinderfickern aus den eigenen Reihen vs. vom Staat bezahlten Wiederverheirateten, die Verbrechen der Religionen, die bigotte Verhaltensweise der „Geistlichen“, die offensichtliche Macht-, Prunk-, Deutungs- und Geldgeilheit der Religionen, usw. usf.
    Ach, und natürlich der Schwachsinn, an einen Gott zu glauben.

  2. #2 von Andreas P am 26. Juni 2012 - 19:00

    Aeh? Was soll das denn werden?

    Nietzsches Werke als hervorragend editierte KGA gibt es seit den 1980ern, dank Giorgio Colli und Mazzino Montinari (leider nichts ungewoehnliches, dass solche Editionen bedeutender deutsch(sprachig)er Autoren nicht von Deutschen gemacht werden). Dazu den gesamten Nachlass und die Briefe, praktisch samt Urlaubspostkarten und Einkaufszetteln…

    http://www.nietzschesource.org/ <- Hier im Netz.

    Mehr als ein paar kleinere Funde duerften da kaum auszuwerten sein?

    Selbst wenn: Warum beschaeftigen sich damit – also mit der Herausgabe – Religionswissenschaftler? Das faellt nun wirklich ins Gebiet der Philosophen und Philologen?

  3. #3 von Andreas P am 26. Juni 2012 - 19:57

    Ansonsten ist die Ueberschrift irrefuehrend: Nietzsche hat via Freud die Psychologie massgeblich mitbeeinflusst, und diverse literarische philosophische Stroemungen. Mit dem Abschied von der „Systemphilosophie“ hat er auch die akademische Philosophie mitgepraegt, oder vielleicht treffender, eine laengere Entwicklung recht deutlich verkoerpert. Seine eigenen „zentralen“ Vorstellungen teilt dagegen kaum noch wer – „Wille zur Macht“ in Anlehnung an Schopenhauer als psychologische Universalerklaerung, „ewige Wiederkehr“, usw.

    Nietzsches Einfluss auf den „neuen“ Atheismus ist eher gering: Harris hat Nietzsche vielleicht mal gelesen, aber greift eher auf die US-Tradition zurueck, Dawkins kommt von den Naturwissenschaften und von Wissenschaftsphilosophie/Rationalismus, Dennett ist wissenschaftsbewanderter Sprachphilosoph (und nur daher mit Nietzsche sehr indirekt verbunden), Hitchens war Hitchens und, bei allen Beruehrungspunkten, kein ausgesprochener Nietzscheaner. Gross zitiert wird er von ihnen nicht.

    Warum auch?

    Nietzsche ist ein Meister der deutschen Sprache gewesen, aber seine Beitraege zum Atheismus liegen eher in der gelungenen Zuspitzung eigentlich nicht so sonderlich neuer Thesen denn im Aufstellen wirklich neuer. Die Ausnahme ist allerdings sein Problembewusstsein: Nietzsche hielt den Glauben fuer tot, also, bar jeglicher intellektueller Meriten und unhaltbar, inhaltlich nicht ernstzunehmen. (Da bleibt der neuere Atheismus oft etwas zurueck.) Dagegen anzuargumentieren sei Pillepalle. Das eigentliche intellektuelle/philosophische Problem sah er darin, dass der Glaube immer noch Anhaenger habe – dass Menschen der Mut und die intellektuelle Redlichkeit abgingen, eine gruendlichst widerlegte Weltsicht aufzugeben und sich der Realitaet zu stellen. Grob, er haelt die rationale Auseinandersetzung fuer abgeschlossen, Religion sei kein philosophisches Thema mehr, sondern ein psychologisches.

    Genau diese Charakteristika – starke Rhetorik, psychologische Spekulation – machen ihn fuer Religionsapologeten so attraktiv: Klar ist Nietzsche oft holzschnittartig, klar sind seine psychologischen Zuschreibungen vorwissenschaftlich, und in dem Sinne hoffnungslos veraltet und platt. Das ist bequemer anzugehen als die „klassische“ Atheismus-Stroemung, die die intellektuelle Unhaltbarkeit des Theismus argumentativ herausarbeitet (die alte „rationale Theologie“ hat laengst die weisse Fahne geschwenkt und ausserhalb von Fundikreisen eigentlich keine Anhaenger mehr), oder die moderne, die aus moderner kultur- und sozialwissenschaftlicher Sicht angeht, warum Glaube immer noch geglaubt wird.

    Nietzsche hat letztere sicherlich irgendwie mit angeregt, aber eine Auseinandersetzung mit seinen Ansichten geht an den zentraleren Punkten der genannten ueblichen vier Verdaechtigen (plus Umfeld) ziemlich vorbei.

  4. #4 von Yeti am 26. Juni 2012 - 19:59

    „Non-Prophet Organization“ finde ich geil. Begriff adoptiert!

  5. #5 von Klaus Brückner am 26. Juni 2012 - 20:43

    Wahre Atheisten sind tolerant, in keinem Fall aggressiv. Sie fühlen sich den Idealen der Aufklärung und des Humanismus verbunden. Wahre Atheisten würden niemand zwangsmissionieren oder für ihre Überzeugung gar einen Krieg führen. Sie sind permanent auf der Suche nach der Wahrheit und stehen
    für Nächstenliebe,Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit. Wahre Atheisten würden sofort an einen Gott glauben, wenn man Ihnen nur einen vernünftigen und stichhaltigen Beweis für seine Existenz liefern würde. Keiner Religion ist das bisher gelungen.Im Gegenteil, alle Erkenntnisse der Naturwissenschaften sprechen gegen die Existenz eines personalen Gottes, wie ihn die monotheistischen Religionen vertreten. Daß trotzdem viele
    Menschen, darunter auch hochkarätige Naturwissenschaftler an die religiösen Märchen und Legenden glauben, werde ich nie begreifen.

    K.Brückner

  6. #6 von Andreas P am 26. Juni 2012 - 20:53

    „Wahre Schotten…“ 🙂

  7. #7 von Noch ein Fragender am 26. Juni 2012 - 22:46

    @ #2 AndreasP

    Danke für den Nietzsche-link.

    Das ist ja phantastisch, dass die Super-Ausgabe von Colli digital im Netz zu finden ist. Bisher habe ich aus der Papierausgabe immer abgetippt.

    Die von Mazzino Montinari und Giorgio Colli begründete kritische Gesamtausgabe hat eine neue Textbasis für die Nietzsche-Interpretation geschaffen. „Dabei wurde konsequent auf den Manuskriptbestand zurückgegangen, frühere sinnentstellende Kompilationen, wie etwa ‚Der Wille zur Macht‘ sind damit obsolet geworden“, erläutert Hans-Gerald Hödl. „Österreichische Wissenschafter arbeiten seit Jahren an diesem Projekt mit. Mit den Kommentarbänden kann die Ausgabe abgeschlossen werden.

    Ich verstehe das so, dass Hödl an der Colli-Ausgabe weiterarbeitet (?)

  8. #8 von Andreas P am 26. Juni 2012 - 23:38

    Hmmm, das scheint der Fall zu sein…

    Das, was im Interview drinsteht, macht einen serioesen & kompetenten Eindruck – und das, obwohl der gute Mann an einer Theologie-Fakultaet arbeitet. (Das heisst nicht, dass ich seine Einschaetzungen in allen Punkten teile, aber sie scheinen vertretbare.)

    (Dass vor Nietzsche niemand dem Christentum seine Lebensfeindlichkeit vorgeworfen haben soll – insbesondere niemand, von dem Nietzsche wusste – scheint mir etwas seltsam. Muesste ich mal nachgehen.)

    – Klar scheint, dass die Charakterisierung Nietzsches als „Vordenker“ wohl von der Journalistin stammt, Hoedl verweist ja auf Unterschiede und nennt, wenn ich’s nicht ueberlesen habe, nur eine Aeusserung von Sam Harris.

  9. #9 von hitchslap.blogspot.com am 27. Juni 2012 - 00:26

    AAAArrrrggghhhh! Wish I could read German!

  10. #10 von Elvenpath am 27. Juni 2012 - 00:47

    Atheismus selber ist auch keine Weltanschauung. Es ist einfach die Abwesenheit eines Gottglaubens. Dass man sich nicht von religiösen Gruppierungen was vorschreiben lassen will, kann ja wohl auch nicht als „Anschauung“ gewertet werden. Genau so die Verwunderung, wenn jemand so seltsame Rituale und Gedankengänge hat, wie Gläubige. Es hat nichts mit Weltanschauung zu tun, wenn man sie auf den Unsinn hinweist.
    Auch die Überzeugung, dass die Menschheit ohne Religionen besser aufgehoben wäre, ist keine Anschauung, sondern nur die logische Reaktion auf historische Fakten.
    Wenn es nie Religionen geben hätte, würde niemand über „Atheismus“ auch nur ein Wort verlieren, man wüsste gar nicht, was das ist. Es wäre der Normalzustand, nicht mehr.

  11. #11 von AMB am 27. Juni 2012 - 07:09

    @Yeti

    Das ist nicht neu. Google liefert Bilder wenn du willst.

  12. #12 von Andreas P am 27. Juni 2012 - 07:21

    @hitchslap: Welcome! – Most of us here actually are somewhat fluent in English, too, feel free to ask. 🙂

  13. #13 von AMB am 27. Juni 2012 - 08:28

    @Andreas P.

    Hab ihm das vermittelt.

  14. #14 von Wolfgang am 27. Juni 2012 - 08:35

    Wenn ich als Atheist die Wahrheit sage, es gibt keinen Gott, werde ich „bestraft“. Von Christen.
    Nicht von einem Gott!!
    Wenn ein gläubiger Christ sagt, es gibt einen Gott, entspricht das nicht seiner Wahrheit.
    Er kennt ihn nicht, hat ihn nie gesehen und hat nicht mit ihm gesprochen. Seine
    Wahrheit begründet sich nur auf die Angst und die Scheinheiligkeit. Es lebt sich leichter,
    wenn man dieses „Leiden“ widerspruchslos hinnimmt und gelegentlich Gebete und Gesänge
    daherlabert und sich sonst so seinen Glauben zurecht biegt, wie er dem Gläubigen in den
    eigenen Kram passt mit der größten Überheblichkeit, sich über Atheisten und Ungläubige
    zu mokieren. Das Christentum kann niemals Wahrheit sein, dazu birgt die Bibel zu viele
    Widersprüche und Ungereimtheiten, Unmenschlichkeit und Lügen. Die Liste der Atheisten
    wird täglich länger, die Kirchenaustritte nehmen zu und der Glaube an das herzallerliebste
    Jesulein schwindet. Das ist die Wahrheit vom Kreuz. Ach du lieber Gott!?

  15. #15 von hitchslap.blogspot.com am 28. Juni 2012 - 23:33

    That’s great! There isn’t much of an atheist movement in the UK but I know from my time in Austria and Germany that you guys are a unique bunch of people and also great atheists.