Theodizee-Projekt: Warum lässt Gott so viel Leid zu?

Im Lehrplan für das Fach katholische Religionslehre ist auf der Zielgeraden zum Abitur vorgesehen, den »Ernstfall« der Gottesfrage zu behandeln: Wie kann das Leid auf der Welt mit dem Glauben an Gott als allmächtigen Schöpfer zusammen gehen?

(…)

Die Schüler eines Religionskurses haben das Thema sehr ernst genommen und verschiedene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens (Vertreter von Religionsgemeinschaften, bekennende Atheisten) gebeten, schriftlich Stellung zu nehmen zur Frage nach dem Leid in der Welt. (…)

Quelle: http://www.main-netz.de/nachrichten/politik/subdir/berichte03/art20503,1936882

Die ungekürzten Antworten der Befragten, dazu außerdem die vollständigen Stellungnahmen von Theologie-Professor Theodor Seidl und der namhaften Islam-Wissenschaftlerin Seniz Hale Önel, sind auf den Internetseiten www.julius-echter-gymnasium.de und www.main-netz.de zu finden.

PS: Die Links führen direkt zu den Antworten, keine Suche notwendig!

 

Werbeanzeigen
  1. #1 von Max Headroom am 6. Januar 2012 - 19:23

    @Photon

    Würdest du jede Behauptung, für die es keine Beweise gibt als haltlos ablehnen?

    Jede Behauptung, die sich meiner Erkenntnis entzieht und für die ich keinen Halt in meiner Weltanschauung finden kann, würde ich als halt-los bezeichnen. Ich verstehe nicht die Stringtheorie, da ich sie nicht benutze, sie auch nicht benötige und nicht mit ihr arbeite. Doch diese Theorie kommt nicht aus dem Nichts oder wurde dogmatisch  überliefert, sondern wurde erdacht und angewendet, um damit gewisse physikalische Phänomene in unserer Welt besser erklären zu können als andere Theorien. Sie kann besser … oder schlechter sein. Im schlimmstem Fall wird sie eben nur Teilbereiche erklären können, aber durch eine bessere mal ersetzt/erweitert werden.

    Mich würde interessieren, was du zum Beispiel zu folgender Behauptung sagst: (..)

    Sind sie haltbar? Widersprechen sie unserer Erkenntnis? Ist eine 8-fache Schallgeschwindigkeit überhaupt physikalisch machbar? Es gibt z.Bsp. Torpedos, die mit einer Art „Plasma“ im Wasser unverschämt schnell sein sollen – genauso wie Pläne zu solchen Erfindungen für Flugzeuge. Umhüllt man ein Flugzeug mit solch einer Plasmawolke, könnten die physikalischen Effekte der Luft gegenüber dem Plasma (anstatt dem Flügel) andere Resultate erbringen. Dies sind Behauptungen, die im Labor überprüfbar sein können. Die Frage, woher die Energie für dieses Plasma kommt, ist eine andere.
    Allerdings glaube ich noch nicht, dass die erzählten Flugobjekte tatsächlich dieses theoretische Flugzeug sei. Es könnte sowas sein. Es könnte auch eine Korrelation zwischen einer Beobachtung eines himmlischen Phänomens oder eines Messfehlers und den Gerüchten über solche Wunder-Prototypen sein. Der Mensch würde demnach einem Trugschluss unterlegen sein.

    Wie würdest du es Überprüfen?

    Indem ich das Tier vorstelle, welches – z.Bsp. durch ungünstige Lichtverhältnisse – als Drache missverstanden werden könnte. Wenn ich kein Tier vorstelle, bleibt es bei der Behauptung ohne Hand und Fuß. Andersrum müsste der Drache nachgewiesen werden. Es könnte ja auch ein Einhorn oder das Nudelmonster sein.

    „Er ist unsichtbar und will sich nicht allgemein überprüfen lassen, hinterlässt aber vereinzelte Hinweise“ zusammen mit „ich vermute, dass er existiert und dass er ein paar Leuten ein bisschen von dem gesagt hat, was er will“.

    „Er ist unsichtbar und will sich nicht überprüfen lassen“ sind für mich Vorannahmen, die ich so nicht akzeptieren kann. Ich gehe nicht von einer Existenz eines solchen Wesens aus, da er/sie/es für die jetzige Erklärung der Welt schlichtweg überflüssig ist. Ich habe solch eine Vorannahme nicht nötig. Wenn „Er“ hingegen existiert, dann könnte man den nächsten Schritt gehen. Aber wir wissen nicht einmal, ob es ein „Er“ ist. Der Wunsch, dass er sich nciht überprüfen lassen will – weshalb wir auch nie „gezielt“ ihn überprüfen können, kann ich nicht als vorgegeben akzeptieren. Ich vermute eher, dass Menschen sich die Existenz eines solchen Wesens wünschen und ggf. aus mir pers. unerklärbaren Gründen annehmen, sie würden „von ihm“ Informationen erhalten. In anderen Kulturen wiederholt sich dieses Spielchen mit anderen übernatürlichen Wesen und ist für schon deshalb kein ernstzuehmender Hinweis auf die Existenz eines(!) Wesens oder gar das Kennen seines(!) Willens.

    Weil die Motive eines transzendenten Gottes mit unseren heutigen Mitteln nicht so schön überprüfbar sind wie die Gestirne, gibt es hier noch immer verschiedene Theorien, wie man ihn und das Leid in der Welt zusammenbringt. Apokalyptizismus ist eine davon.

    Weil die Motive so unendlich vielfältig sind, weil sie eben (noch immer) nicht überprüfbar sind, sind es für mich Theorien die noch immer Lücken aufweisen. Die Vorannahme, es gäbe ein transzendentes Wesen und seine Existenz sei – zumindest teilw. – in dieser Welt „erfahrbar“, teile ich nicht. Diese „Erfahrungen“ lassen sich nicht mit einer einzigen Gottheit in Verbindung bringen, denn eine Vielzahl unterschiedlicher Menschen behaupten, eine Vielzahl unterschiedlicher Gottes-/Göttererfahrungen in einer Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen zu besitzen. Jeder Mensch hat sein/ihr eigenes Universum – geprägt durch die Umwelt – die er oder sie diese Erfahrung zuspricht. Diese (theoretisch unendliche) Vielzahl spricht für mich schon dafür, dass dieses „tranzendentes Wesen“ eine subjektive Vorstellung der Menschen ist, und kein vorhandenes (gar singuläres) Wesen. Der Mensch erschafft sich sozusagen das Wesen, um es danach durch „Notlösungen“ der Überprüfung zu entziehen, damit die ab und zu unerklärbaren Phänomene ihm oder ihr zugesprochen werden können. Für mich nicht gerade besonders überzeugend.

    Wenn man hingegen die Existenz eines Wesens als gegeben annimmt, dann kann man mit der nächsten Stufe weitermachen. Dann hat dieses Wesen gewisse Fähigkeiten, ggf. einen „Willen“ und kann dann fragen, wie er/sie/es (oder sie alle) in Anbetracht unserer(!) Welt hätte agieren sollen. Ich gehe hingegen einen Schritt zurück und frage schon im Vorfeld, weshalb ein solches Wesen existieren sollte – oder muss. Die Theodizeefrage stellt sich für mich nicht, wenn ich die Existenz eines solchen Wesen schlichtweg nicht als gegeben ansehe und damit die dem Wesen zugedichteten Fähigkeiten als Wunschvorstellung der damaligen Menschen betrachte.

  2. #2 von Max Headroom am 6. Januar 2012 - 19:33

    Kleiner Zusatz:

    Und wenn man das Drachen-Gleichnis verlässt: Es gibt bisher weder eine allgemein anerkannte Erklärung für die Entstehung von Religion, noch wurden die vorhandenen Erklärungsansätze erfolgreich überprüft. (..)

    Es geht dann um die Erklärung zur Entstehung eines bekannten und beobachtbaren Phänomenes: einer Religion.
    Sie ist existent. Ich bestreite ja nicht, dass es keine Religion gibt. Ich bestreite ja auch kaum, dass das Christentum inexistent ist 😉 . Die Entstehung lässt sich vielleicht – wie bei der Abiogenese – nicht exakt zur einzigen Initiator zurückverfolgen. Damit habe ich aber kein Problem. Ich halte die Märchentexte für existent, bestreite jedoch den Wahrheitsgehalt der in den Texten erzählten Behauptungen dieser Geschichten. Wann und wo diese Geschichten entstanden sein sollen, lässt sich vielleicht nicht endgültig feststellen, da die Weltgeschichte leider nicht immer felsenfest in einem Logbuch festgeschrieben steht. Einen übernatürlichen Ursprung kann ich jedoch auch dann nicht erkennen. Nur das uns da die Möglichkeiten der Recherche fehlen.

  3. #3 von Photon am 9. Januar 2012 - 18:14

    (Da der Artikel ja jetzt schon relativ weit hinten steht, sag ich jetzt mal nicht zu allem etwas, sondern nehme das meiste einfach auf und verarbeite es. Wenn du willst kannst du noch antworten, ansonsten kommen wir wo anders bestimmt nochmal darauf zurück, oder?)

    Es geht dann um die Erklärung zur Entstehung eines bekannten und beobachtbaren Phänomenes: einer Religion.

    Genau. Aber Weltanschauungen und religiöse Praxis entstehen nicht aus dem nichts. Sie haben immer irgendeinen Hintergrund. (Bei Weltanschauungen/Religionen neueren Datums wie dem Kommunismus und den Cargo-Kulten sind die Hintergründe bekannt.) Nun behaupten die Religionen, dass sie aufgrund übernatürlicher Wesen entstanden sind. Ich sehe da durchaus auch die Pflicht bei Naturalisten, eine bessere Erklärung zu liefern.

    (Und ja, ich gehe inzwischen davon aus, dass es außer Gott noch andere übernatürliche Wesen gibt, die hier und da mal auftauchen. Halte ich zumindest für möglich.)

  4. #4 von emporda am 9. Januar 2012 - 18:29

    Du hast falsche Vorstellung von dem was in den Köpfen der Religioten vorgeht

    Psychologen haben in einer Studie gerade bestätigt, dass diese Einsicht keineswegs verbreitet ist. Menschen, die kaum etwas über ein wichtiges Thema wissen oder ein Thema aufgrund seiner Komplexität nicht verstehen, das sie auch selbst betrifft oder das dringlich ist, sind nicht neugierig und suchen nicht nach weiteren Informationen, sondern bilden erst recht nach der Devise Scheuklappen aus, dass sie schon gar nichts von dem wissen wollen, was sie nicht kennen.
    http://www.heise.de/tp/artikel/36/36052/1.html

    Appelle an die Vernunft von Religioten aktivieren allenfalls das Netzwerk des bewusst denkenden Cortico-Hippocampus ohne Einfluss auf das emotional-limbische Netzwerk, indem die religiöse Gehirnwäsche dauerhaft verankert ist. Religiosität ist ein paranoider Wahn im limbischen Netzwerk mit Hoffnung, Angst, Wut, Hass und Liebe, was schon die Wortwahl dieser Menschen in Wort und Schrift belegt. Änderungen im emotionalen System verändern unser deklaratives Gedächtnis nur oberflächlich. Für den Neurobiologen Joseph LeDoux vergisst das limbische Gedächtnis nichts mehr, wenn es erst einmal emotional dauerhaft geprägt wird.

    Erklärungen mit Daten und Fakten sind nutzlos, Details sind für Gläubige niemals relevant. Der Gläubige zweifelt zuerst an der wissenschaftlichen Methodik, danach an der Logik als Beweisführung, zuletzt an seiner Moral, niemals aber an seinem „Brainwash-Glauben“. Daten und Fakten als Elemente logischen Denkens rangieren bei religiös-emotionaler Prägung auf dem niedrigsten möglichen Niveau. Dabei sind die religiösen Grausamkeiten nicht etwa göttlich, sie entlarven den psychopathologischen Wahn der Religioten als extreme Inkompetenz. Für Katholiken ist die Eucharistie heilig wie einst Dracula der Schreckliche das Fleisch Gottes fressen, sein Blut saufen und danach Gott hinten als profane braune Masse ausscheiden.

  5. #5 von Max Headroom am 9. Januar 2012 - 19:19

    @Photon

    Aber Weltanschauungen und religiöse Praxis entstehen nicht aus dem nichts. Sie haben immer irgendeinen Hintergrund. (..) Nun behaupten die Religionen, dass sie aufgrund übernatürlicher Wesen entstanden sind. Ich sehe da durchaus auch die Pflicht bei Naturalisten, eine bessere Erklärung zu liefern.

    Soziologie.
    Dabei ist die Annahme einer realen Existenz einer übernatürlichen Entität, egal welcher Größe, Farbe, Geschmack, Anzahl und/oder Geschlechtes, nicht notwendig. Religionen dieser Welt, wie auch Sekten und andere „übernatürliche“ Vorstellungen, sind nicht automatisch immun, indem sie ihren Ursprung in die Übernatürlichkeit hinein positionieren – was dem Naturalisten nicht zugänglich sein kann/soll. Sie wirken in der heutigen Welt, lassen sich sprichwörtlich „zurückverfolgen“ und sind IMO eher anhand nicht näher zugänglicher Daten (etwa den ersten ursprünglichen Grund für die erste Göttervorstellung) nicht mit klarer Gewissheit beantwortbar. Anhand der nicht nachgewiesenen Übernatürlichkeit, halte ich eine These des „übernatürlichen Ursprunges“ für nicht haltbar. Subjektive Aussagen von einzelnen Menschen sind (zumindest für mich) nicht automatisch der Nachweis einer realen Existenz.

    Und ja, ich gehe inzwischen davon aus, dass es außer Gott noch andere übernatürliche Wesen gibt, die hier und da mal auftauchen. Halte ich zumindest für möglich.

    Auch ich kann mir dies gut vorstellen. Ist für mich jedoch nicht der Weisheit letzter Schluss. Da bleibe ich lieber auf einem agnostischem Standpunkt und halte diese Möglichkeit anhand der uns heutigen(!) Erkenntnis für nicht ausgesprochen wahrscheinlich. Kann sich ja mal ändern … oder auch nicht 😉 .

    Wie gesagt … die Theodizeefrage besteht nur, weil ein Theo da existiert. Sie zu beantworten fällt umso schwerer, je mehr Annahmen man für dieses Theo zu Hilfe nehmen muss. Bei einem Deismus wäre die Frage dadurch schon beantwortet, indem man schlicht „Dieser Gott ist nicht da“ hinschreibt. Doch der christliche Glaube geht eben davon aus, dass diese Gottheit nicht desinteressiert an unserer Existenz ist und eben tatsächlich (irgendwie) interagieren kann/könnte. Und dann beginnen diese Fragen dann zu wirken. Ich streiche einfach diese gesamte Annahme einer übernatürlichen wirkenden und denkenden Entität weg. Woher diese Fragen kommen? Weil man eben irgendwann einen „Kreator“ zur Beantwortung von Fragen benötigte? Und solche „Erzeuger“ zeugten für sie vielleicth nicht ohne Sinn und Willen, Ein Mensch macht sowas ja auch nicht, und verbraucht nur zum Spaß seine Resourcen wie Kraft und Lebenszeit, haben sie sich vielleicht gedacht 😉 . Ich kann dies selbst nicht überprüfen, halte es aber für wahrscheinlicher als die Annahme einer rein literarisch überlieferten Gestalt, welche dennoch real existieren soll und der dann – je nach Überzeugung – einen gewissen Willen durch die (für Menschen) „böse Handlung“ zum Ausdruck brachte.