Missbrauch: Experten mit Scheuklappen

Am aktuellen Beispiel von Pfarrer Andreas L. aus Salzgitter zeigt sich mal wieder, wie die Kirche bei Warnzeichen auf Pädophilie systematisch wegschaut – ggf. auch unter Hinweis auf Gutachten. Dabei berufen sich die Kirche und ihre Gutachter auf eine extrem eng gefasste Definition von „Pädophilie“ und konzentrieren sich auf das Kriterium der Strafbarkeit, was eindeutig sexuelle Handlungen voraussetzt. Auf diese Weise wurde z.B. gerechtfertigt, dass auch Pfarrer, die Ministranten in die Pfarrhaussauna eingeladen oder mit einem Kind im selben Bett übernachtet hatten (alles keine „sexuellen Handlungen“), weiterhin mit Jugendlichen eingesetzt wurden. In beiden Beispielen sind die betreffenden Pfarrer jetzt wegen mehrfachen Missbrauchs angeklagt. 

Heinz-Günter Bongartz, der Missbrauchsbeauftragte des Bistums Hildesheim und derzeit mit dem Fall Andreas L. aus Salzgitter beschäftigt, lieferte dazu bereits letztes Jahr ein interessantes Beispiel. Damals ging es darum, dass das Bistum einen erwiesenen Kinderschänder jahrelang weiter in der Gemeindearbeit eingesetzt hatte.

Bongartz: „Es ist wahr, dass Dechant Spicker 1995 in Ostdeutschland ein Missbrauchsverbrechen begangen hat. Es war eine befreundete Familie, bei der er übernachte hatte. Dabei kam es zu einem Übergriff gegen einen 12-jährigen Jungen. Acht Jahre später [Anmerkung: Also offenbar 2003 – nach Verabschiedung der Missbrauchs-Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz 2002] hat sich die Familie an den Ortsbischof gewandt. Die Familie wünschte ausdrücklich in Gesprächen mit der Bistumsleitung keine strafrechtliche Verfolgung des Falls und wünschte Verschwiegenheit. Das Bistum hat sehr deutlich mit Herrn Spicker gesprochen. Daraufhin ist ein psychologisches Gutachten erstellt worden, dass der Übergriff nicht aus einer pädophilen Neigung heraus geschehen sei.

Es ist außerdem bescheinigt worden, dass ein weiterer Einsatz in der Pfarrgemeinde ausdrücklich ohne Auflage möglich ist. […]

2003 ist von den damals Verantwortlichen entschieden worden, dass Hermann Spicker in der Gemeinde verbleibt.“ [Hervorhebung von mir.]

Ein Schlauberger stellte die berechtigte Frage:

Frage aus dem Publikum: „Kann man das Gutachten einsehen?“

Bongartz: „Wir sollten nicht den gläsernen Menschen produzieren. Bildhaftes Beispiel zur Erklärung des Gutachtens: Wenn ein 50-jähriger Mann auf dem Marcusplatz in Venedig ein 13-jähriges Mädchen sieht und dabei Gefühle bekommt, ist es erst mal keine grundsätzliche pädophile Neigung. Sogar wenn er das Mädchen anfasst, dann ist das in den Augen der Psychologen noch keine Pädophilie.“ [Hervorhebung von mir.]

Die Gutachter, auf die sich Weihbischof Bongartz bezieht, sind übrigens die selben, die jetzt im Auftrag der deutschen Bischöfe erforschen sollen, ob es Warnzeichen auf sexuellen Missbtrauch gibt…

Mehr dazu auf Skydaddy’s Blog.

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  1. #1 von klafuenf.de am 25. Juli 2011 - 13:12

    Ich bin mal gespannt, wann die erste Sau … ähem der erste Priester durchs Dorf getrieben wird. Oder sich im Knast den A…. vergolden lassen kann. Ich sag‘ nur: Schrankdienst

  2. #2 von emporda am 25. Juli 2011 - 13:37

    Nach Standards der US-Bischofskonferenz gelten Priester nur dann pädophil, wenn sie mit mehr als einem Kind unter 11 Jahren sexuellen Kontakt haben. Die Mehrheit der Fälle von sexuellem Missbrauch finden statt der Altersgruppen von 12 bis 15 Jahren, die reellen Missbrauchsfälle sind also deutlich höher. Nach 1980 sind mehr Homosexuelle in die US-Priesterseminare eingetreten als jemals zuvor. Etwa 40% der US-Priesternovizen bestätigten die Existenz einer breiten homosexuellen Subkultur in der RKK, ergänzt durch Missbrauch von Alkohol und Drogen. Nach neuen Informationen wird von den US-Bischöfen nach wie vor sexueller Missbrauch durch Priester gedeckt.

    Warum sollten die drüben anders Kinder vernaschen als die hier. dem Reichsstrafgesetzbuch von 1871 trat die Strafmündigkeit mit dem vollendeten 12. Lebensjahr ein. Durch das am 16. Februar 1923 neu erlassene Jugendgerichtsgesetz wurde die Strafmündigkeit auf 14 Jahre angehoben. Nach kanonischem Recht des Vatikans ist die Grenze nach wie vor 12 Jahre.

  3. #3 von Herbert Latschenberger am 25. Juli 2011 - 14:08

    wartet mal ab, welche Erleuchtung der Ratzifaz unseren Volks(?)vertretern im September bringt.
    Danach wird die RKK wieder in altem Glanze und Unschuld erstrahlen.
    Missbrauch, ja diese bösen Kinder hat der Teufel geschickt, um die armen Diener Christi in Versuchung zu führen. Da musste die heilige(?) Kirche diese armen Verführten doch schützen!

  4. #4 von Barkai am 25. Juli 2011 - 17:15

    „Daraufhin ist ein psychologisches Gutachten erstellt worden, dass der Übergriff nicht aus einer pädophilen Neigung heraus geschehen sei.“

    Aha. Wenn ein solcher übergriff aufgrund von (all)Machtsfantasien dem Opfer gegenüber und/oder schlicht aufgrund einer (hohen) kriminellen Energie geschieht, dann ist das wohl in Ordnung, weil nicht pädophil, oder wie?!

  5. #5 von Skydaddy am 25. Juli 2011 - 18:22

    @emporda:

    Ein Priester muss mehr als ein Opfer missbraucht haben, und alle Opfer müssen zum Tatzeitpunkt elf Jahre oder jünger gewesen sein.

    For the purpose of this comparison, a pedophile is defined as a priest who had more than one victim, with all victims being age eleven or younger at the time of the offense. [Causes and Context Study, S. 34]

    Oder, wie ich gestern gebloggt habe: Der pädophile Priester aus Salzgitter wäre nach dieser Definition nicht als „pädophil“ einzustufen – weil mindestens ein Opfer (zumindest zeitweise) älter als 11 war (14).

  6. #6 von emporda am 25. Juli 2011 - 19:06

    @Skydaddy
    Das war bekannt, nicht bekannt sind die Kriterien der europäischen Bischofskonferenz. Es würde mich nicht überraschen, wenn die gleich sind wie in den USA. Die Tatsachen verbiegen oder realtivieren ist deren höchste Kunst.

    Der Priester John J Geoghan aus Boston bleibt nach Missbrauch von 130 Kindern im Amt und wird erst im Gefängnis ermordet.
    Für den Bischof Bernardo Alvarez/Teneriffe gibt es Minderjährige, die Missbrauch wünschen um ihre sexuellen Neigungen auszuleben, man muss die Priester schützen.

    Da Pädophilie eine unheilbare psychotische Störung ist enstanden aus extrem sexfeindlicher Indoktrinierung während der Pubertät, spielt weder das Alten noch die Zahl der Fälle eine Rolle. Faktisch gilt, eimmal ein Schweinepriester, immer ein Schweinepriester.

  7. #7 von wahn am 25. Juli 2011 - 19:24

    Leider ist es so das wer auf Missstände in (Betrieben,Behörden …) hinwiest geschnitten, geächtet oder gekündigt wird (Nestbeschmutzer)- so ist es die Aufgabe der beauftragten „Missbrauch: Experten“ die Täter reinzuwaschen und die Opfer als wahre schuldige zu identifizieren. – so bringt man dann die Opfer endgültig zum schweigen.
    traurig aber wahr – aber auch nicht anders zuerwarten

  8. #8 von Wolfgang am 27. Juli 2011 - 16:41

    Als ob das der erste Fall im Bistum Hildesheim ist….

    Außerdem gibt es den Begriff „Kindesmissbrauch“ nicht bei der katholischen Kirche. Zölibat heißt Zölibat, da gibt es halt keinen
    „Verkehr“ und es handelte sich ja auch nicht um eine Begehung einer „weiblichen“ Scheide. Diese Mauer steht, fest, dogmatisch.
    Ein Kondom bringt die Bischöfe in helle Aufregung, aber doch nicht ein Kindesmissbrauch.

    Und im übrigen: wenn ein Kind nach Hause kam und sagte, der Pfarrer hat mich da unten angefasst, gab es erst mal eine kräftige Ohrfeige und der Nachsatz „So etwas sagt man nicht und überhaupt nicht bei einem Pfarrer! “

    Gell, den Priestern willkommen, den Kindern ein Übel, ein Leben lang….. oh Gott, mir wird schon wieder schlecht.