
Religion und Modernität schließen sich nicht aus – im Gegenteil: gerade die in einem Prozess rapider gesellschaftlicher Modernisierung befindlichen Gesellschaften in Amerika, Indien und China entdecken zugleich eine tiefe religiöse Seite. Das hat der spanisch-amerikanische Religionssoziologe Jose Casanova im “Kathpress”-Gespräch betont. In diesem Sinne müsse sich gerade “Europa als Ausnahme begreifen, wo Modernisierung stets mit Säkularisierung einhergegangen” sei. Casanova: “Warum sind wir in Europa säkular? Nicht, weil wir so modern sind, sondern weil wir säkular werden wollten.” In einem “säkularen gesellschaftlichen Rahmen” sei der Glaube nicht marginalisiert, sondern eine wichtige “Option”, die ergriffen werden könne, ohne in vormoderne Strukturen zurückzufallen.
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#1 von Randifan am 12. August 2012 - 19:10
Anders ausgedrückt irrationaler Aberglaube und Modernität schließen sich nicht aus, aber manchmal stehen sie im selben Verhaltnis wie Feuer und Wasser.
#2 von rhenus am 12. August 2012 - 19:48
Amerika ist auch deshalb so religiös, weil es sich ständig im Krieg befindet. “Wir gegen die Anderen” ist eben eine religiöse Grunderfahrung. Eines der wichtigsten Organe der US Streitkräfte ist der Chaplain, der die Soldaten zum “Altar” des Helden führt. In den religiösen Gemeinden der USA wird jeden Sonntag für die eigenen Kriegsopfer gebetet…dass auch Afghanen, Iraker, Somalier, Jemeniten, Iraner, Syrer…. in den Kriegshandlungen sterben wird nie erwähnt…und wenn man dies anmerkt, wird man ausgeschlossen.
Ein US Theologe (dessen Name mir entfallen ist) erklärte in den 80er Jahren des letzten Jahrhundert, dass Europa jetzt so friedlich ist, liege an den unsäglichen Kriegserfahrungen der letzten 100 Jahre….die Menschen in Europa seien einfach kriegsmüde….und dies sei der Hauptgrund, warum in Europa die Kirchen so leer sind.
Krieg und Religion sind offensichtlich kommunizierende Röhren.
#3 von Aranxo am 13. August 2012 - 02:20
Warum sollte sich das ausschließen? Es gibt auch modernen irrationalen Quatsch, der Blödsinn muss nicht notwendigerweise traditionell sein. Das Mormonentum ist ja auch noch nicht so alt, Homöopathie und Anthroposophie auch nicht. Und was im Dunstkreis der Esoterik so an Stilblüten ins Kraut schießen, da will ich gar nicht drüber reden. Und Super-In und topmodern ist ja gerade das Engels-Gedöns.
Wenn man allerdings unter Moderne Rationalität und Aufklärung versteht, dann beißt sich das tatsächlich ganz deutlich. Und diese angebliche Widerkehr der Religionen (in Europa nur Parole, aber in anderen Erdteilen hat das vielleicht eine Berechtigung) ist doch nicht der Beweis dafür, dass sich Religion und Modernität nicht ausschließen, sondern vielmehr der Beweis dafür, dass der Siegeszug der einen Bewegung (Modernität) immer auch Gegenbewegungen (Religiosität) bei den Menschen provoziert, die mit der Hauptbewegung nicht so gut klarkommen.
#4 von Willie am 13. August 2012 - 07:20
Casanova: “Warum sind wir in Europa säkular? Nicht, weil wir so modern sind, sondern weil wir säkular werden wollten.”
Vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass man in Europa Bücher und Texte aufmerksamer ließt und auch mal hinterfragt. Oder anders : Wir haben eben kein Hollywoodd oder Bollywood.
#5 von Noch ein Fragender am 13. August 2012 - 11:27
In einem “säkularen gesellschaftlichen Rahmen” sei der Glaube nicht marginalisiert, sondern eine wichtige “Option”, die ergriffen werden könne, ohne in vormoderne Strukturen zurückzufallen.
Nur der säkulare gesellschaftliche Rahmen bewahrt davor, dass trotz der Glaubenden die Gesellschaft insgesamt nicht in vormoderne Strukturen zurückfällt. Soweit die Gläubigen die gesellschaftlichen Strukturen prägen, landen wir in vormodernen Strukturen (mit Blasphemie-Verbot, Diskriminierung Gleichgeschlechtlicher, defizitäre Gleichberechtigung und und und ….)