Der Ruf nach Blasphemiegesetzen? Beschneidungsverbot? Debatten, ob der Islam zur Gesellschaft gehört? In den USA wäre all das undenkbar und verboten. Dafür sorgt die Verfassung.
(…)
Hier werden entscheidende Rechte garantiert: Absolute Religionsfreiheit! (Religion geht den Staat schlicht und einfach nichts an. Er darf nicht nur keine Religion unterdrücken; er darf auch keine Religionsgemeinschaft bevorzugen.)
(…)
Das First Amendment schützt nicht nur das Recht auf Blasphemie aller Art; auch Rassisten, Anhänger Lenins und Stalins sowie Lügner, die leugnen, dass in Treblinka Menschen vergast wurden, können im Land der Freien ungehindert ihre rhetorische Jauche verspritzen. Das First Amendment schützt ferner die verabscheuungswürdige Familie Phelps (Westboro Baptist Church) in Kansas. (…)
Selbstverständlich darf ein angeheitertes Bezirksgericht in Amerika nicht mal eben so das Judentum beziehungsweise den Islam für vogelfrei erklären. (Ein Judentum ohne den heiligen Akt der Beschneidung gibt es nicht und hat es nie gegeben.)
Auch dümmliche Debatten, ob der Islam dazugehört, entfallen in Amerika. Nicht einmal jene konservativen Rechten, die mit Feuereifer vor der Einführung der Scharia warnen, würden leugnen, dass Muslime über dasselbe Bündel von Grundrechten verfügen wie die anderen Spinner in der Neuen Welt. Selbstverständlich gehört der Islam in Amerika dazu; und selbstverständlich geht er den Staat nichts an.
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#1 von deradmiral am 15. Juli 2012 - 16:34
Selbstverständlich zieht dieser Staat keine Kirchensteuer an, meldet die Religionszugehörigkeit nicht per Lohnsteuerkarte an den Arbeitgeber, duldet keinen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, bezahlt auch keine Renovierungsarbeiten an Kirchen, finanziert auch nicht das Theologiestudium des Priesternachwuchses und bezahlt auch nicht die Bischöfe, sowie die Renovierung ihrer Paläste.
#2 von M.G. am 15. Juli 2012 - 16:43
Warum man in den USA viel freier ist als in Europa
Die USA ist mit den Umgang von Religionen viel freier,aber haben Angst vor der gesetzlichen Krankenkasse,womit jedem eine ordentliche medizinische Versorgung zum Schutz von Leben und Gesundheit garantiiert wäre. Dort sind doch die schärfsten Schwachköpfe in den Parteien Tea Party und Republikanern.
#3 von holey spirit am 15. Juli 2012 - 16:44
Träum weiter, Hannes Stein!
#4 von katholenblogger am 15. Juli 2012 - 17:02
Eine Sache ist in den USA leider genau wie hier: Religionen sind steuerlich bevorteilt gegenüber allen anderen.
Ansonsten hat er im Prinzip recht. Einige Bezirke sind aber auch voller Theokraten, die Gebete in der Schule und ähnliche verfassungswidrige Aktionen durchführen.
#5 von katholenblogger am 15. Juli 2012 - 17:07
@M.G.: Warum tust du so, als gäbe es bei uns ordentliche Versorgung?
Man bezahlt sich dumm und dämlich, darf ewig im Wartezimmer sitzen, 4 Minuten vom Arzt gesehen werden und dann Paxisgebühr und Zuzahlungen leisten, kriegt Protesentechnik aus dem vorletzten Jahrzehnt (welche oft von der FDA in den USA längst ihre Zulassung verloren haben, weil schlimme Nebenwirkungen) eingepflanzt und Zahnersatz kriegt man quasi praktisch keinen.
Da kann einem schon der Horror kommen. Medizin ist teuer, und wer sie nicht mit Geld bezahlen will, zahlt halt mit schlechter Qualität.
#6 von katholenblogger am 15. Juli 2012 - 17:08
@M.G.: Mal abgesehen davon, dass Krankenversicherungen in den USA nie verboten waren.
#7 von AMB am 15. Juli 2012 - 17:44
Verbot? Ich dachte, die USA ist freier als Europa?
@unbegrenzte Meinungsfreiheit:
Obama ist ein Moslem der die weißen ausrotten will, war mal in einer Doku über die Tea Party zu sehen. Das ist missverstandene und missbrauchte Meinungsfreiheit. Auf diese Freiheit kann ich verzichten.
Es gibt Juden, die praktiziern das nicht, also gibt es ihn doch.
Da träumt sich einer die politischen und christlichen Rechten schön. Aber gut, Religioten unter sich, denn die Atheisten sollen ja auswandern. Die gehören wohl nicht dazu.
#8 von M.G. am 15. Juli 2012 - 17:50
katholenblogger am 15. Juli 2012 – 17:07
Daran ist schon etwas wahres dran,verbesserungswürdig ist unser gesundheitssystem schon,aber hier werden die Hartz IV-Empfänger pflichtversichert und Therapien und Untersuchungen werden wenigstens z.T. übernommen.In den USA ist ein Arbeitsloser ohne Familienversicherung vollkommen aufgeworfen,also so wie ich Asthmatiker und Allergiker darf ein Arbeitslose nicht sein und an Kura- Plan- Patientenbehandlungen ist bei Arbeitslose in der USA gar nich zu denken.
Also ein paar Vorteile gibt es bei der gesetzlichen Krankenversicherung schon,im Gegenteil zur USA.
#9 von Sheldon Lee Cooper am 15. Juli 2012 - 17:57
> Debatten, ob der Islam zur Gesellschaft gehört?
> In den USA wäre all das undenkbar und verboten.
Das ist doch Bullshit. Ich bin zwar selber USA-Fan, aber dass gerade diese Diskussion sehr wohl existiert und sogar rassistische Ausmaße angenommen hat, kann selbst ein Blinder erkennen. Und gerade diese Diskussion ist in den USA eben NICHT verboten. Deshalb ist es ja auch ein freies Land. Der Autor des Artikels faselt einfach nur Stuss.
Überdies ist auch in den USA umstritten, ob die körperliche Unversehrtheit hinter der Religionsfreiheit zurückstehen sollte. Der Autor sollte sich nicht wundern, wenn amerikanische Gerichte in Zukunft ähnlich entscheiden wie deutsche. Die amerikanische Gesellschaft befindet sich nicht erst seit gestern in einem gesellschaftlichen Wandel.
#10 von Andreas P am 15. Juli 2012 - 17:58
Was Hannes Stein hier schlicht übersieht, ist die Unfreiheit der Kinder: Im Namen der Religion kann – in Teilen der USA – den Kindern Bildung vorenthalten werden, oder auch lebensnotwendige medizinische Versorgung. Deutschland tut sich da mit der Erkenntnis, dass Eltern meistens, aber eben nicht immer die besten Wahrer der Interessen ihrer Kinder sind, erheblich leichter.
Es ist kein Ausdruck großer Liberalität, wenn die Starken das Recht haben, ihre persönlichen religiösen Obsessesionen an ihnen ausgelieferten Wehrlosen ausleben zu dürfen.
#11 von katholenblogger am 15. Juli 2012 - 18:04
@M.G.
1. Kinder, Behinderte und Senioren sind auch in den USA über staatliche Programme versorgt.
2. Viele Bundesstaaten hatten auch vorher allgemeine Krankenversicherung, und da hatte auch kein Konservativer was gegen. Mitt Romney hat selbst die Krankenversicherung in Massachusetts eingeführt.
Es ist auch eine Frage des “Wie”. Obamas Gesetz ist vergleichbar mit der Situation, als würde bei uns die EU-Kommission eine Krankenversicherungsregelung einführen und damit alle Regelungen der Mitgliederstaaten hintergehen.
Die US-Bundesregierung hat in der Verfassung genau festgeschriebene Aufgaben, und alles andere sollte Angelegenheit der Bundesstaaten sein. Das war die Argumentation der Konservativen. Deshalb ging das Gesetz vor das Verfassungsgericht, und es wurden in der Tat ein paar Punkte für ungültig erklärt. Das Verfassungsgericht hat allerdings zugestimmt, dass die allgemeine Versicherungspflicht (individual mandate) verfassungsmäßig ist.
So offensichtlich war das aber nicht, ganz egal ob man es gut oder schlecht findet. Die Verfassung muss die Oberhand haben, der Zweck heiligt nicht die Mittel. Ich würde mir von unseren Politikern mehr Verfassungstreue und weniger überstürzten Aktionismus wünschen. Auch wenn dann alles etwas langsamer geht, geht es dann wenigstens vernünftig und ohne Fehltreffer. Da ist die Bescheindungsdiskussion ein passendes Beispiel.
#12 von Andreas P am 15. Juli 2012 - 18:06
@AMB: Dass der Staat sich nicht in die Debatten einmischt, führt mehr als gelegentlich zu einigen ziemlich grausigen Beiträgen, ist m. E. aber immer noch besser als die Alternative… auf die Freiheit möchte ich nicht verzichten.
- Moslems und die von Stein bezeichnenderweise nicht erwähnten Atheisten haben formal die gleichen Rechte, in der Praxis fehlt es aber nicht an Versuchen von Christen, eben diese einzuschränken.
#13 von katholenblogger am 15. Juli 2012 - 18:09
In Amiland wurde die Diskussion auch wieder angestoßen:
http://www.nytimes.com/roomfordebate/2012/07/10/an-age-of-consent-for-circumcision/boys-should-be-protected-as-girls-are
http://www.nytimes.com/roomfordebate/2012/07/10/an-age-of-consent-for-circumcision/let-boys-decide-at-16-whether-to-be-circumcised
#14 von Andreas P am 15. Juli 2012 - 18:15
@Katholenblogger: Eine allgemeine Versicherungspflicht samt public option (öffentlicher Krankenkasse als Angebot für jeden) gab’s bislang nur in Massachusetts. Medic Aid greift zwar bundesweit, stellt aber nur eine eingeschränkt Versorgung für Kranke unterhalb der Armutsgrenze sicher.
Romneycare hat eine “religiöse” Opt-Out-Möglichkeit und generell geringen Sanktionen für die, die tatsächlich *für sich selbst* keine Krankenkasse wollen. Das ist eine winzige Minderheit…
… lautstark und recht zahlreich sind dagegen die “Libertären” und anderen Spinner, die keine Krankenversicherung *für andere* wollen. Der Gedanke, für “Arbeitsscheue”, “Gottlose” oder “rassisch minderwertige” mitaufkommen zu müssen, ist ihnen unerträglich – sorry für das NS-Vokabular, übersetzt man es ohne Euphemismen, geht es aber letztlich genau darum.
(Der Rest sitzt eh mit Alufolienhüten im Bunker und glaubt, die Regierung sei hinter ihm persönlich her und würde mit den Krankenversicherungsbeiträgen auch gleich seine Seele und sein Waffenlager einziehen – rational erklären kann man das nicht…)
#15 von AMB am 15. Juli 2012 - 18:25
@Andreas P
Für Evangelikale geschieht alles nach dem Willen Gottes und da darf der Mensch (Krankenvericherung für alle) sich nicht einmischen. (Habe ich irgendwo gelesen)
#16 von M.G. am 15. Juli 2012 - 18:42
katholenblogger am 15. Juli 2012 – 18:04
Schwierigkeiten mit der Verfassungstreue muss wohl allgemeinse Problem aller Politiker sein,wo Förderbedarf besteht und dies in jedem Land.
#17 von katholenblogger am 15. Juli 2012 - 19:12
@M.G.
Ja, da geb ich dir Recht. Aber die Systeme sind trotzdem unterschiedlich. In den USA sind zum einen Präsident und Kongress gegeneinander (im Kongress haben zur Zeit sogar die Republikaner die Mehrheit) und schauen sich auf die Finger. Zum anderen werden Politiker, die Scheiße bauen, in den USA zuverlässig abgewählt. Bei uns kommen die, die ihren Wahlkreis verlieren, über Landeslisten in den Bundestag. Um Merkel und Schäuble loszuwerden, müsste man die ganze CDU unter 5 % kriegen.
#18 von M.G. am 15. Juli 2012 - 19:53
katholenblogger am 15. Juli 2012 – 19:12
Das ist in der Tad wahr,das Abwählen ist in den USA leichter,als in Deutschland. Aber Demokratie und Parteienregierung haben immer so ihren Preis,man muss sie häufig zu lange ertragen,weil es Symptisanten zu viele gibt.
#19 von Noch ein Fragender am 15. Juli 2012 - 20:08
@ #13 katholenblogger
Danke für die links.
Das hätte ich nicht gedacht, dass in der New York Times ebenfalls über die Beschneidung an Jungen kritisch diskutiert wird und Putzke dort auch zu Worte kommt.
Es ist also doch nicht so, dass Deutschland das einzige Land der Welt ist, in der Kinderbeschneidung in Frage gestellt wird.
#20 von Ezri am 15. Juli 2012 - 20:41
In den USA ist längst nicht mehr alles so frei. Was die Regierung nicht regelt, regelen die Gemeinden und was die nicht regeln, regelt die Nachbarschaft. Es gibt da ein Sprichwort: “Preussen hat die Bürokratie erfunden, USA hat sie perfektioniert.”
Klar kann man sich krankenversichern, aber zum einen ist eine Krankenversicherung nicht gerade günstig und zum anderen wird man auch ratzfatz ausgeschlossen, wenn man irgendwelche Krankheiten hat, die irgendwo in den unendlichen Tiefen der AGBs ausgeschlossen sind oder die Krankenkasse meint, daß man irgendeine Vorerkrankung nicht erwähnt hat, auch wenn diese mit dem aktuellen Fall nichts zu tun hat.
Es gibt wohl sowas ähnliches wie ein staatliches Sozialsystem, aber mehr als zwei Jahre Arbeitslosengeld ist nicht drin und das aufs gesamte Arbeitsleben gerechnet. Was man ansonsten an Hilfe bekommt, langt gerade mal aus, um nicht in der Obdachlosigkeit zu verhungern, denn Wohnraum ist davon nicht bezahlbar. Zum Glück gibts ne Menge freiwilliger karikativer Einrichtungen und Suppenküchen etc.
Die medizinische Versorgung nichtversicherter Menschen begrenzt sich auf das absolute Minimum.
Trennung von Staat und Kirche, ist naja… nicht so ganz getrennt. Es bleibt einem Richter unbenommen, einen Verkehrssünder nicht nur zu Knast sondern auch zum Bibelstudium (hatten wir hier im Blog doch mal stehen, oder?) zu verknacken. In einigen Bundesstaaten dürfen Atheisten keine öffentliche Ämter bekleiden usw. Also so wirklich getrennt?
#21 von M.G. am 15. Juli 2012 - 20:47
katholenblogger am 15. Juli 2012 – 18:09
Ich habe mal Ihre Links mir angesehen und gebe den Richtern,die für das Kindeswohl entschieden haben und sogar Verurteilungen aussprachen,Recht. Die religionen können sich dem Kindeswohl ruhig anpassen.In Amerika ist das Familiengericht noch flinker in der Sorgerechtsentziehung,als Deutschland.
Solche Folter an Kinder muss mal ein Ende haben.
#22 von katholenblogger am 15. Juli 2012 - 22:30
“In einigen Bundesstaaten dürfen Atheisten keine öffentliche Ämter bekleiden usw. Also so wirklich getrennt?”
@Ezri: Quelle?
#23 von katholenblogger am 15. Juli 2012 - 22:46
In den USA gab es scheinbar auch schon Schuldsprüche gegen beschneidende Eltern:
http://caselaw.findlaw.com/wa-court-of-appeals/1115226.html
#24 von Ezri am 15. Juli 2012 - 22:58
http://en.wikipedia.org/wiki/Discrimination_against_atheists
Arkansas:
“No person who denies the being of a God shall hold any office in the civil departments of this State, nor be competent to testify as a witness in any Court.”
Mississippi:
“No person who denies the existence of a Supreme Being shall hold any office in this state.”
South Carolina:
“No person who denies the existence of a Supreme Being shall hold any office under this Constitution.”
Tennessee:
“No person who denies the being of God, or a future state of rewards and punishments, shall hold any office in the civil department of this state.”
Texas:
“No religious test shall ever be required as a qualification to any office, or public trust, in this State; nor shall any one be excluded from holding office on account of his religious sentiments, provided he acknowledge the existence of a Supreme Being.”
#25 von Barkai am 17. Juli 2012 - 13:58
@Ezri,
nach: http://ffrf.org/faq/religious-activity-in-our-government/religious-tests-for-public-office/ (Hervorhebung durch Fettdruck von mir.)
Der Fall Torasco vs Watkins war im Jahr ’61. Also ist es schon seit einer geraumen Zeit, dass jeder, ohne religioesen Test, in den USA, gemaess der Verfassung, ein Amt innehaben darf.
(Justice Black for the U.S. Supreme Court, Torcaso v. Watkins, 367 U.S. 488, June 19, 1961)
nach: [http://ffrf.org/day/view/06/19/#supreme-court-affirms-no-religious-test-for-public-office]
#26 von Barkai am 18. Juli 2012 - 12:51
Selbstverständlich darf ein angeheitertes Bezirksgericht in Amerika nicht mal eben so das Judentum beziehungsweise den Islam für vogelfrei erklären. (Ein Judentum ohne den heiligen Akt der Beschneidung gibt es nicht und hat es nie gegeben.)
wirklich?! Dann verstehe ich gar nicht, warum die Orthodox Union sich da letztes jahr so viel Sorgen gemacht hat…
http://www.ou.org/general_article/proposal_to_ban_circumcision_brit_milah_on_san_francisco_ballot
(leider ist es nicht durchgekommen, soweit ich weiss.)
#27 von Ezri am 18. Juli 2012 - 13:28
Hallo Barkai, das hindert aber doch niemanden daran dafür zu sorgen, daß Atheisten diese Positionen nicht bekommen. Dann begründet man die Ablehnung halt einfach anders.
#28 von Barkai am 18. Juli 2012 - 13:32
ja, das Problem gibt es.
Aber es sit ein utnerschied, ob ein Staat aufgrund von gesetzen keine Atheisten in Aemter waehlt oder nur Muslime als Praesident waehlen kann oder ob es enstirnige Idioten sind, die Steine in den Weg legen.
genauso wie homophobie immer noch, auch in Teilen Europas, ein problem ist, das gesetz ist aber in vielen europaeischen Staaten mittlerweile immerhin ein Unterstuetzer der Gleichheit.