Religion verschwindet nicht aus der modernen Welt

Religion ist in der modernen Welt keineswegs im Verschwinden begriffen. Sie spielt heute fast überall eine große Rolle. Das sagte der Religionssoziologe Prof. Peter L. Berger (Boston/US-Bundesstaat Massachusetts) am 7. Mai in einem Festvortrag zur Eröffnung des „Centrums für Religion und Moderne“ an der Universität Münster.

Als Beispiele für die Ausbreitung nannte er einen leidenschaftlichen Islam von Nordafrika bis Indonesien und die wachsende christliche Pfingstbewegung in Afrika und Lateinamerika. Berger: „Durch Einwanderer aus diesen Regionen gelangt das Übersinnliche des Glaubens auch nach Europa und in die USA.“

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  1. #1 von humanicum am 9. Mai 2012 - 17:09

    Religion verbreitet sich, ist kein Auslaufmodell – nicht weil nach menschlichen Werten gesucht wird, sondern, weil kulturelle und individuelle Identitätskrisen die Menschen nach einfache Zugehörigkeiten und Identifikationsmustern suchen lässt. Die religiösen Seelenfänger nutzen das aus, versprechen seelische und geistige Klarheit – sie sind die Bildzeitung der minderbemittelten, und gleichzeitig der Wolf im Schafspelz, der hirte, der eigentlich Schlächter ist.

  2. #2 von Max Headroom am 9. Mai 2012 - 17:18

    “Religion” verschwindet nicht, sie verblasst. Womöglich wird sie für viele einfach unbedeutender werden. Das hindert natürlich keinen Kleriker, diese neue Lebensform dann als “Ersatzgötter” oder “Götzenwesen” zu bezeichnen. Man will ja die Konkurrenz eliminieren ;) .

  3. #3 von dichterdenkerchaoten am 9. Mai 2012 - 17:42

    Religion verschwindet nicht aus der modernen Welt? Schade!
    Insbesondere ihre immernoch vorhandene politische Bedeutung ist besorgnisserregend. Ein Beispiel ist der US-Wahlkampf, in dem ein Thema ist, dass einige Konservative behaupten, Obama wäre gar kein Christ. Ergo hätte ein überzeugter Atheist dort drüben gar keine Chance.

  4. #4 von Martin Schmidt am 9. Mai 2012 - 17:58

    In der “modernen” Welt verschwindet sie sehr wohl.
    Das sie in wenig aufgeklärten Ländern, deren Bürger zudem nicht den Luxus einer guten Schulbildung genießen können, wächst, macht deutlich, wie rückständig und obsolet sie ist.

  5. #5 von AMB am 9. Mai 2012 - 18:12

    Als Beispiele für die Ausbreitung nannte er einen leidenschaftlichen Islam von Nordafrika bis Indonesien und die wachsende christliche Pfingstbewegung in Afrika und Lateinamerika.

    Das soll die moderne Welt sein??

    „Durch Einwanderer aus diesen Regionen gelangt das Übersinnliche des Glaubens auch nach Europa und in die USA.“

    Korrektur: Der Glaube an das Übersinnliche. Einst missionierte Europa die ganze Welt, jetzt kommt der Dreck wie ein Bumerang zurück. Trotzdem wird die Religion zum Großteil verschwinden.

  6. #6 von Argus7 am 9. Mai 2012 - 19:03

    Ich habe schon vor längerer Zeit die Überzeugung gewonnen, dass die menschliche Dummheit unsterblich ist. Ein afghanisches Sprichwort beschreibt dies treffend mit den Worten: “Die Mutter der Dummen ist immer schwanger !”

  7. #7 von Max Headroom am 9. Mai 2012 - 23:07

    @AMB
    “das Übersinnliche des Glaubens”? Vor nicht allzulanger Zeit benannte man es einfach “(falscher) Aberglaube” und bekämpfte ihn, wenn es nicht in der eigenen Religion verwurzelt war ;) .

  8. #8 von Skydaddy am 10. Mai 2012 - 05:45

    Die Aussage, dass Religion auf absehbare Zeit nicht (komplett) aus der Gesellschaft verschwindet, ist trivial. Tatsächlich kann man den Eindruck gewinnen (m.W. ist es auch belegbar), dass in modernen Gesellschaften die Religiosität nachlässt. Mit größerer gesellschaftlicher Stabilität, größerer Pluralität und weniger sozialem Druck entfallen wesentliche Kräfte, die auf die Beibehaltung der Religiosität hinwirken.

    AMB weist zu Recht darauf hin, dass es absurd ist, wenn Berger Afrika, Indonesien/Asien und Lateinamerika als “moderne Welt bezeichnet”. Diese Regionen befinden sich an der Schwelle zur Moderne, daraus lassen sich noch keine Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Beibehaltung oder das Verschwinden der Religion ziehen.

    Vielmehr ist es offensichtlich, dass Berger dem (offenbar zu Recht bestehenden, weil von ihm nicht widerlegten) Eindruck, dass Religiosität in modernen Gesellschaften zurückgeht, einfach diejenigen Gegenden gegenüberstellt, in denen das (evangelikale) Christentum Zuwächse aufweist. Dieser Ansatz erscheint zusätzlich dadurch verfehlt, weil Konvertierungen zum Christentum ja nichts darüber aussagen, wie religiös die Menschen dort vorher waren. Ich würde mal annehmen, wer zum Christentum konvertiert, war auch vorher schon religiös.

    Im übrigen ist diese Entwicklung ohnehin in keiner Weise überraschend, sondern zu erwarten: Traditionell übernehmen Menschen die Religion ihrer Eltern bzw. Gesellschaft. Richard Dawkins weist ja darauf hin, dass es nicht für die Plausibilität der Religionen spricht, dass diese traditionell regional verteilt sind. (Er zeigt dabei eine “Weltkarte der Religionen.”) Im Zuge der Globalisierung ist es nun (wie schon in früheren Jahrhunderten) nur logisch, dass immer mehr Menschen mit immer mehr Religionen in Kontakt kommen und sich eine neue suchen, die ihnen mehr zusagt. Dies führt automatisch dazu, dass in Regionen, in denen traditionell bestimmte Religionen vorherrschen, “neue” Religionen (d.h. solche, die traditionell in anderen Regionen vorherrschen) anfangs starke Zuwächse verzeichnen, einfach, weil sie von einer sehr kleinen Basis ausgehen. Genauso wird ja in Deutschland gerne darauf verwiesen, dass zwar Kirchenmitgliedschaft und Gottesdienstbesuch zurückgehen, aber das Interesse an anderen Religionen oder “Spiritualität” steige. Das ist exakt der gleiche Effekt.

    Dabei dürfte es sich allerdings m.E. lediglich um Verschiebungen INNERHALB des religiös/spirituellen “Lagers” handeln. Ich habe keinen Zweifel daran, dass der Anteil der Nichtreligiösen ansteigt.

  9. #9 von Andreas P am 10. Mai 2012 - 06:35

    Das muss man korrekt und genau lesen:

    Aus der *modernen* Welt kann die Religion gar nicht verschwinden – dort ist keine.
    Dort, wo sie ist, ist jeweils Mittelalter.